Essai 156: Über Streber

Um ehrlich zu sein, bin ich ein ziemlich bequemer Mensch. Ich habe es sehr gern gemütlich, mag Harmonie und Frieden und weiß den Komfort von Strom, Heizung und fließend Wasser zu schätzen. Außerdem hasse ich es, wenn ich krank bin oder irgendetwas nicht hinkriege, was ich mir vorgenommen habe. Als ich noch zur Uni ging, habe ich vor jeder Prüfung und bei jeder Hausarbeit und Abschlussarbeit einen Panikflash bekommen, dass ich das alles nicht schaffe und komplett versagen werde. Mein Freund fand das immer ziemlich unglaubwürdig und lustig und sagte: „Ja, ja. Und dann schreibst du doch wieder eine 1“ und ich dann so: „Gar nicht wahr! Dieses Mal weiß ich wirklich nicht, wie ich das schaffen soll! Heul! Schluchz!“ Natürlich hatte er meistens recht und konstatierte dann hinterher: „Siehste, bist halt ’ne Streberin.“

Ich weiß, in dem Kontext ist das als Kompliment gemeint, aber irgendwie mag ich das überhaupt nicht, wenn man mich eine Streberin nennt. Ich finde nicht, dass ich eine Streberin bin *schmoll*. Trotzdem schwebt dieses ‚Urteil‘ ständig über meinem Kopf und mir ist das immer fürchterlich unangenehm, wenn sich herausstellt, dass ich irgendetwas ganz gut kann und – schlimmer noch – teilweise sogar besser kann oder besser weiß als andere. Ich trau mich dann immer gar nicht, das so laut zu sagen, weil ich fürchte, man könnte mich dann mit dem vernichtenden „Streber!“-Etikett bekleben und dann stehe ich da und fühle mich allumfassend uncool, langweilig und genussfeindlich. Aber dann denke ich auch, was bin ich doch für eine alberne, dusselige Kuh, dass ich mein Licht immer so untern Scheffel stelle, nur, um nicht als Streberin zu gelten.

Irgendwie wäre ich schon gern so eine obercoole Socke, der es vollkommen schnurz ist, was andere von ihr denken. Aber in meinem Hinterkopf blubbern dann doch so Vorurteile vor sich hin, dass nur Leute obercoole Socken sein dürfen, die sich nicht darum scheren, was andere von ihnen denken, die sich möglichst unvernünftig aufführen, bestenfalls sogar kriminell sind oder wenigstens so gut wie. Das Klischee vom Rockstar, der keine Drogen auslässt, fröhlich durch die Weltgeschichte pimpert (natürlich ohne Kondom, wo kämen wir denn da sonst hin), dauerbesoffen ist und Kette raucht, unfreundlich zu anderen Leuten ist und sich wie ein Arschloch aufführt schwebt mir als optimaler Antistreber vor, am besten stirbt der dann auch noch möglichst jung, dann ist er an Coolness nicht mehr zu überbieten.

Nun bin ich nicht nur viel zu alt, um jung zu sterben (den Club 27 habe ich auf jeden Fall schon laaaaange hinter mir gelassen), ich habe auch überhaupt keine Lust, meine Sinne mit irgendwelchen süchtig machenden Substanzen zu vernebeln und sehe darin auch überhaupt keinen Mehrwert für mein Wohlbefinden. Und man hat es viel einfacher und muckeliger im Leben, wenn man einfach nett und höflich zu anderen Leuten ist, ein wenig Mitgefühl zeigt, anstatt gemein zu allen zu sein, und sich bestmöglich an die Regeln hält. Rein optisch bin ich eh viel zu niedlich, um als Rockstar zu überzeugen.

Also bin ich vielleicht doch eine Streberin? Immerhin rauche ich nicht, trinke keinen Alkohol, Drogen nehme ich sowieso nicht und zu allem Überfluss mache ich auch noch regelmäßig Sport, ernähre mich ausgewogen und maßvoll, gehe regelmäßig zu den ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen und lese lieber ein schönes Buch als nachts auf die Piste zu gehen. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, bin ich auch noch einigermaßen intelligent, lernfähig und lernfreudig und habe an der Uni und in der Schule in der Tat überwiegend gute Noten geschrieben. Streit mit meinen Lehrern und Profs habe ich auch nie welchen angefangen. Und ich will schon das Beste aus meinen Möglichkeiten machen, so viel Ehrgeiz habe ich dann doch. In einem meiner Zeugnisse hatte mein Biolehrer mal geschrieben: „Isabelle weint manchmal bei Leistungsversagen.“ Das fand ich übrigens gar nicht lustig, dass der das da reingeschrieben hat, ich hab mich nur einmal geärgert, dass ich eine 4 in einer Klausur geschrieben hatte, und da sind dann auch ein paar Tränen geflossen, aber das muss man doch nicht gleich so hämisch ins Zeugnis schreiben und für alle Ewigkeit für die Nachwelt festhalten, was für eine peinliche, jämmerliche Erscheinung ich bin. Grummel.

Die Wahrheit ist aber, ich mach das alles nicht, um anderen zu zeigen, was für ein fantastisch organisierter, disziplinierter und makelloser Mensch ich bin und schon gar nicht, um anderen zu zeigen, wie chaotisch, fehlerhaft und schluderig alle anderen Menschen sind. Sondern ich mach das, was ich mache, weil es mir so gut geht. Ich fühle mich pudelwohl, wenn ich ein wenig auf meine Gesundheit achte, ich bewege mich wirklich gern (und das, obwohl ich Schulsport immer gehasst habe) und ich bin aufrichtig neugierig und interessiert daran, neue Dinge zu lernen und zu begreifen. Mir macht es gar nichts aus, mich an Gesetze zu halten und es kostet mich überhaupt keine Mühe, höflich und freundlich zu sein. Na ja, meistens. Manchmal lasse ich mich provozieren und dann und wann platzt mir die Hutschnur. Aber das ist zum Glück selten und meistens fühle ich mich hinterher total mies. Ich bewahre lieber so lange die Contenance, wie es mir möglich ist. Ich verzichte auf nichts, was mir Spaß macht und was ich gern habe, genieße das Leben … und habe dennoch immer das Gefühl, ich müsste mich dafür rechtfertigen (was ich gerade schon wieder tue) und erklären, dass es mir an nichts fehlt.

Ich bin der Meinung, Streber, also echte Streber, sind nicht nur einfach relativ intelligent und einigermaßen fleißig, sondern sie müssen das auch ständig allen zeigen und wollen dafür Applaus. Streber brauchen das Gefühl, besser zu sein als andere und sie brauchen die Gewissheit, dass alle – nicht nur sie selbst – wissen, dass sie besser respektive die Besten sind. Ihnen ist das ganz und gar nicht unangenehm, wenn sie neidische oder bewundernde Kommentare von außen bekommen, sondern die sind ihr Lebenselixier. Und so bin ich nicht und möchte ich auch nicht sein. Das macht mich noch lange nicht zu einer obercoolen Socke, aber eine Streberin bin ich auch nicht. Ich bin einfach nur ein Mensch, der versucht, sich Mühe zu geben. Und sich dabei langfristig Ärger zu ersparen.

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11 Antworten to “Essai 156: Über Streber”

  1. Ma-Go Filmtipps Says:

    Oh, welch wahre Worte. Prinzipiell bin ich der Meinung, dass Leistung heute nicht mehr ausreichend anerkannt und häufig sogar abfällig ignoriert oder als etwas schlechtes gesehen wird. Ein Streber ist meiner Meinung nach niemand, der/die versucht in dem was er/sie tut gut zu sein. Das sollte eigentlich sogar eine Grundvoraussetzung für alles Schaffen sein. Von daher darfst du also beruhigt sein. Ich glaube nicht, dass du eine Streberin bist.
    Ein Streber ist für mich jemand, der MIT ALLEN MITTELN nach Erfolg und und seinem eigenen Vorteil strebt. Oftmals auch auf Kosten anderer, um eigene Schwächen und Unzulänglichkeiten zu kaschieren. In der Schule z.b. verpetzt der Streber gerne seine Mitschüler, um auf diese Weise ein gutes Standing beim Lehrer zu ergattern. Im Job redet er dem Boss nach dem Mund oder redet schlecht über Kollegen.
    DAS sind für mich Streber. Und mit ehrlicher Leistung und gesundem Ehrgeiz hat das nichts mehr zu tun.
    🙂

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    • Isabelle Dupuis Says:

      Ja, stimmt, so etwas in Richtung „nach unten treten, nach oben buckeln“ verbinde ich irgendwie auch mit dem Begriff „Streber“. Und auch das ständige Gieren nach Anerkennung und Bestätigung, selbst, wenn die Leistungen nur so mittel sind.

      Was ich grenzwertig finde, ist, wenn Leute mit ihren Leistungen hausieren gehen. Ich weiß nicht, ob das schon strebermäßig ist, weil oft machen sie das ja zum Beispiel auf Facebook, weil sie stolz auf ihre guten Leistungen sind und das darf man ja eigentlich auch ruhig sagen. Trotzdem merke ich, dass mich das latent nervt, wenn in meiner Timeline schon wieder so ein „Guckt mal, wie weit ich gejoggt bin!“-Beitrag vor den Latz geknallt wird. Das finde ich ein wenig angeberisch. Aber vielleicht bin ich auch bloß neidisch, weil ich mich nicht traue, meine Leistungen anderen Leuten so selbstbewusst unter die Nase zu reiben. 😛

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  2. Ma-Go Filmtipps Says:

    Das finde ich nicht so schlimm. Wenn man den inneren Schweinehund schon überwindet, kann man das ruhig auch stolz veröffentlichen. Leute die das nervt (so wie ich), können das auf Facebook ja ganz einfach verbergen oder ausblenden lassen.

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  3. maunzendemaus Says:

    Diese Uniangst… Habe letzte Woche 2 Klausuren geschrieben, mit Ächzen und Stöhnen, ohne vorher schlafen zu können, mit der Gewissheit dass es DIESES MAL nur WIRKLICH nix werden konnte- und nix ist, alles excellent, bessere ging’s nicht. Hast du es denn geschafft, diesen Druck hinter dir zu lassen? Prüfungssituationen gibt’s ja nicht nur an der Uni, sondern überall im Leben…
    Ich habe zum Glück niemanden, der mich deswegen als Streber bezeichnet, ich habe fast nur Freunde mit ähnlicher Problematik. Und selbst wenn – lass die Leute reden. Ich habe in der Schule ein paar echte Streber kennen gelernt, ich weiß, dass ich nicht dazu zähle 😉

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    • Isabelle Dupuis Says:

      Erstmal herzlichen Glückwunsch zu den bestandenen Klausuren 🙂 Es ist tatsächlich mit der Zeit besser geworden, aber so ganz konnte ich das Gefühl bis heute nicht ablegen, dass es nicht daran lag, dass ich wirklich gut bin, wenn ich gute Noten geschrieben oder etwas Tolles erreicht habe. Es nagen immer noch Zweifel im Hinterkopf à la: „Na jaaaa, ich hab mir ja auch ein Thema ausgesucht, das mir liegt, ich hab’s mir ja auch leicht gemacht. Und der Prof fand mich wohl auch einfach nett, weil ich im Seminar immer so begeistert mitdiskutiere, …“

      Und das ist auch nicht ganz verkehrt, ich habe mir tatsächlich zum Beispiel für meine Masterarbeit ein Thema ausgesucht, das mir total Spaß gemacht hat („Mentale Metadiegesen (Darstellung von Träumen, Erinnerungen, Visionen und anderen mentalen Vorgängen) im zeitgenössischen Film“) und wenn man Freude an etwas hat, fällt es einem automatisch leichter. Auf meine mündliche Prüfung habe ich mich absurderweise dann auch richtig gefreut (da hatte ich „Das Unheimliche in E. T. A. Hoffmanns Nachtstücken“, „Narrative Aspekte im Improvisationstheater“ und „Moralisch ambivalente Figuren in zeitgenössischen US-Fernsehserien“). Ich weiß noch, wie ich vor der mündlichen Prüfung meines Bachelors geschlottert habe, da war ich halbtot vor Angst. Aber als ich dann ersteinmal drin saß und merkte, dass ich mich gut vorbereitet hatte und die Fragen locker beantworten konnte, ich sogar fast traurig war, dass es so schnell vorbei war, verpuffte die Angst einfach. Wahrscheinlich hat das dann auch geholfen, bei der mündlichen Masterprüfung gelassener zu sein. 🙂

      Heute merke ich das vor wichtigen Verhandlungen oder Bewerbungsgesprächen, dass die alte Versagensangst sich wieder meldet, aber meistens bleibt es bei einem mulmigen Gefühl in der Magengegend, ich bin etwas hibbelig und komme ins Schwitzen, aber mit jedem Mal, wo ich das trotzdem durchziehe, wird’s besser 🙂 Vielleicht sind diese hartnäckigen Selbstzweifel auch einfach etwas, mit dem ich leben muss und vielleicht ist das ja auch ganz gut, weil sie mich auf dem Teppich halten und dafür sorgen, dass ich die Bodenhaftung nicht verliere und leichtsinnig oder nachlässig werde.

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      • maunzendemaus Says:

        Ich weiß nicht, auf einen großen Teil der Zweifel könnte ich gut verzichten, weil sie einfach unnötig sind :/ Auf dem Teppich bleiben ist gut, aber ich versteck mich eher drunter. Ich denke 70% Selbstbewusstsein und 30% Zweifel würden’s auch tun, statt umgekehrt.

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      • Isabelle Dupuis Says:

        Ja, stimmt, die Verteilung würde mir auch besser gefallen. Mich nervt es schon, wenn ich vor wichtigen Gesprächen furchtbar nervös bin … aber so mit der Zeit lerne ich, gelassener mit meiner Unsicherheit umzugehen 🙂 Das ist ja auch schon mal was, dann macht man sich wenigstens nicht obendrein auch noch dafür fertig, dass man sich selbst fertig macht. 😉 Ich versuche dann einfach, mich so gut vorzubereiten, dass ich mir hinterher keine Vorwürfe machen muss, dass ich irgendetwas versemmelt hätte. Das beruhigt mich dann schon mal ein wenig. Aber so ein richtiger Großkotz und Angeber werde ich wohl nie werden 😛

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  4. Essai 157: Über rhetorische Tricks für Wichtigtuer | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] Küchentischphilosophische Essais über alles Mögliche und Unmögliche aus den Bereichen Politik, Gesellschaft, Beziehungen und menschliche Eigenarten. « Essai 156: Über Streber […]

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  5. Essai 159: Über den Verlust der Religion | Isa09 - Angry young woman Says:

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