Essai 144: Über die Bundesjugendspiele

Letzte Woche brachte die Bloggerin Christine Finke mit einer Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele den Hashtag #bundesjugendspieleweg ins Rollen. Dabei führt sie im Prinzip die gleichen Argumente an, die ich in meinem Essai über die traumatisierenden Auswirkungen von Schulsport erwähnt hatte: Sport sollte Spaß machen und keine demütigende Erfahrung für die Kinder sein. Schließlich will man doch, dass die Kinder Freude an der Bewegung entwickeln, damit sie später als Erwachsene möglichst lange gesund und fit bleiben. Es ist aber nun mal eben Fakt, dass allein schon von den körperlichen, angeborenen Voraussetzungen her nicht jeder Mensch die gleichen Talente besitzt.

Bundesjugendspiele, beziehungsweise „Sportfeste“ wie das bei mir damals hieß, fördern Kinder, die gut in Leichtathletik sind. Kinder, die grottig in Leichtathletik sind, weil sie zum Beispiel klein, schmächtig und langsam sind, bekommen eine Teilnehmerurkunde. Damit sie selbst niemals vergessen, dass sie zwar mitgemacht, aber komplett versagt haben.

So sind auch mir die Sportfeste in schlechter Erinnerung verblieben und auch der Sportunterricht war überwiegend furchtbar. Aber deswegen die Bundesjugendspiele abschaffen? Ich weiß nicht.

Das wäre meines Erachtens nicht fair gegenüber den vielen Kindern, die wirklich Spaß daran haben und die sich durch den Wettbewerbscharakter dazu angespornt fühlen, sich anzustrengen und ihre Leistungen zu verbessern. Es ist ja nicht jeder so wie ich, die ich mich von Wettkämpfen, in denen ich ohnehin keine Chance habe, abgeschreckt fühle.

Nun kann man einwenden, auf solche Leistungsverweigerer, Memmen und Weicheier (im Falle weiblichen Geschlechts eher Eierlose) müsse man keine Rücksicht nehmen. Sonst könnte man ja auch gleich Mathearbeiten und Deutschaufsätze abschaffen oder warum nicht gleich die Schulpflicht abschaffen und dann müssen nur noch die Kinder zum Unterricht, die das gern möchten und die dummen Kinder müssen sich nicht anstrengen und sich dumm fühlen, reicht ja schließlich, dass sie es sind.

Im ersten Augenblick klingt das nachvollziehbar. Aber ich sehe da trotzdem einen Unterschied. Mathe und Naturwissenschaften sind durch und durch logisch, das kann man lernen und wer darin eine Schwäche hat, sollte unterstützt werden und nicht vom Unterricht ausgeschlossen. Gesellschaftliche Fächer wie Gemeinschaftskunde (Politik), Geschichte und Erdkunde bauen auf Fakten auf, die kann man auswendig lernen. Dann gibt es die geisteswissenschaftlichen Fächer, Deutsch, Fremdsprachen, Philosophie und vielleicht noch Religion (wobei ich Religionsunterricht in der Schule nur sinnvoll fände, wenn alle Religionen gleichberechtigt behandelt und auch kritisch betrachtet würden). Darin lernt man (oder sollte man lernen), wie man analysiert, interpretiert und argumentiert. Man lernt Bücher kennen, von denen man anderweitig nie etwas gehört hätte und geht mit ihnen auf die Reise. Man bekommt die Möglichkeit seinen geistigen Horizont zu erweitern, über den Tellerrand zu schauen, kritisch und selbstständig zu denken. Man lernt andere Kulturen kennen und sieht die Welt dadurch in bunteren Farben.

Schließlich gibt es noch eine Kategorie von Schulfächern, die ebenfalls wichtig sind, aber in denen es weniger auf objektive Kriterien, sondern auf subjektive Aspekte wie Talent, physische Voraussetzungen und Interesse ankommt. Das sind künstlerische Fächer wie Musik, Kunst und Darstellendes Spiel sowie Sport.

Ich denke, keines dieser Fächer sollte abgeschafft werden, weil sie alle zur Formung und Stärkung von Geist und Körper unentbehrlich sind. Aber müssen Noten sein? Muss man Menschen, die mies in Leichtathletik sind, zu den Bundesjugendspielen zwingen? Können die nicht stattdessen Turniere oder Auftritte mit Tanzen, Mannschaftssportarten, Gymnastik, Geräteturnen oder Schwimmen haben?

Man könnte das doch flexibler gestalten, dass man sagt, jedes Kind sollte einmal im Jahr an einem Wettkampf teilnehmen, aber die Disziplin darf es sich aussuchen. Genauso würde ich für Musik, Kunst und Darstellendes Spiel Noten abschaffen. Auch dort könnte man freiwillige Wettbewerbe einführen, sofern das nicht schon gemacht wird: In Musik Vorspiele an einem Instrument der eigenen Wahl oder Auftritte mit dem Chor oder der Schulband. In Kunst Ausstellungen mit eigenen Bildern, Skulpturen, Fotografien. In Darstellendes Spiel Theateraufführungen – die, die sich nicht auf die Bühne trauen, können die anderen Theaterberufe (Regieassistenz, Dramaturgie, Autor, Licht, Technik, Inspizienz, …) kennen lernen.

Durch eine individuellere Gestaltung und der Betonung auf Spiel und Fest, anstatt auf Leistung und Wettkampf würden Bundesjugendspiele dann auch Kindern Spaß machen, die besser auf Bäume klettern, tanzen, jonglieren, was weiß ich was können als Leichtathletik, ohne dass man den Kindern, die das toll finden, etwas wegnimmt.

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