Essai 141: Über innere Werte und ihre Außenwirkung

„Was zählt, sind die inneren Werte!“ – Diesen Spruch habe ich eine lange Zeit für eine indiskutable Wahrheit gehalten. Bis ich dann immer wieder feststellte, dass ich ziemlich oft missverstanden oder falsch eingeschätzt werde, was gelegentlich reichlich nervig ist. Die inneren Werte, also der Charakter, die Persönlichkeit, das Wesen, was auch immer, sind natürlich wichtig, das stimmt schon. Aber woher sollen denn Außenstehende wissen, welche inneren Werte man hat, wenn man Selbige nicht in irgendeiner Weise zum Ausdruck bringt? Eben.

Als ich noch dachte, Schauspielerin zu werden wäre für mich eine super Idee, habe ich ganz oft Situationen erlebt, in der ich ganz viel „gefühlt“ habe und hinterher fragte mich mein Dozent: „Was war denn mit dir los, bist du eingeschlafen?“ Umgekehrt habe ich auch etliche Diskussionen von Schauspielschülern mit angehört, weil sie der Meinung waren, sie waren „total drin“, aber man hat das von außen überhaupt nicht gemerkt. Das ist dann ein ganz sensibles Thema, weil das so schwierig zu erklären ist, dass es als Schauspieler vollkommen nebensächlich ist, ob man „total drin“ war und „ganz viel gefühlt“ hat, was zählt, ist, wie es beim Zuschauer ankommt. Und kommt beim Zuschauer gar nichts an, dann hat der Schauspieler seinen Job nicht gemacht.

Im wirklichen Leben ist das noch mal etwas anderes als auf der Bühne oder vor der Kamera, das ist klar. Da will man ja nicht unbedingt allen anderen eine Geschichte erzählen, sondern ich denke, die meisten wollen für das gemocht, geliebt, anerkannt und respektiert werden, was sie „sind“. Und die wenigsten wollen auf ihr Aussehen oder irgendeine bestimmte Eigenschaft reduziert werden, weil es dem, was sie „sind“ nicht gerecht wird. Das ist verständlich und ich bin da nicht anders.

Doch man sollte sich stets in Erinnerung rufen, dass niemand Gedanken lesen und in einen hineinschauen kann. Was bleibt einem denn als Außenstehender anderes übrig, als seine Mitmenschen nach den Kriterien einzuschätzen, die diese ihm mitteilen oder die offensichtlich sind?

Ich kann gar nicht wissen, ob die alte Frau, die mich im Supermarkt angeraunzt hat, weil ich in einem Moment geistiger Umnachtung nicht meine Einkaufstasche rechtzeitig aus dem Weg genommen habe, in Wirklichkeit ein total sanftmütiger, liebevoller Mensch ist. Weil sie mir das nicht gezeigt hat, sie hat mir nur gezeigt, dass sie ein ungeduldiger, grummeliger, unhöflicher Meckerpott ist. Und als solchen schätze ich sie dann auch ein. Das ist in diesem Moment nicht gemein von mir, sondern eine logische Reaktion darauf, unfreundlich behandelt worden zu sein.

Umgekehrt darf ich es der alten Dame aber auch nicht verübeln, dass sie in mir ein unhöfliches junges Ding gesehen hat, das keinen Respekt vor dem Alter hat. Schließlich weiß sie ja nicht, dass ich eigentlich ganz nett und höflich bin, nur manchmal etwas in Gedanken versinke und in solchen Momenten nicht sofort schalte, wenn jemand was von mir will. Was ich in dem Moment zum Ausdruck gebracht habe war, dass ich nicht aufpasse, wohin ich meine Einkaufstasche halte und ob ich damit nicht anderen Leuten den Durchgang versperre. Grob ungezogen sowas!

In unserer Gesellschaft gilt Oberflächlichkeit als fürchterlich verpönt, gleichzeitig sind wir aber nun einmal alle oberflächlich, weil es nicht anders geht. Die Kunst besteht dann darin, dass man sich trotzdem gelegentlich die Mühe macht, hinter die Oberfläche zu schauen. Dafür müssen wir jedoch allen unseren Mitmenschen entgegen kommen und ein wenig von unseren eigenen inneren Werten offenbaren. Das geht am besten, indem wir unser Verhalten und unser Handeln daran anpassen. Ab und zu muss man auch den Mund aufmachen, falls subtile Hinweise nicht ausreichend waren.

Allerdings muss man da auch immer abwägen, was man eigentlich will. Wenn ich zum Beispiel stinksauer bin, weil ich mich in einem Moment ungerecht behandelt fühle, ist das manchmal ganz ratsam, das für mich zu behalten, ein paar Mal tief durchzuatmen, meine Gedanken und Argumente neu zu sammeln und zu sortieren und mich dann in aller Seelenruhe, nachdem ich ein oder mehrere Nächte darüber geschlafen habe, damit auseinander zu setzen. So kann ich den Konflikt dann viel klüger lösen als wenn ich gleich an die Decke gegangen wäre.

Bringt man seinen Ärger jedoch nicht zum Ausdruck, gehen Außenstehende zwangsläufig davon aus, dass man einverstanden mit ihrem Verhalten und mit der Gesamtsituation vollkommen zufrieden ist. Seine Forderungen kann man auf diese Weise nicht durchsetzen, weil kein Mensch merkt, dass man welche hat.

Wer sich wie ich nicht so leicht aufregt, eher sanftmütig und friedliebend ist, noch dazu die natürliche Autorität eines verwaisten Eichhörnchenbabys, das von einer flauschigen Katzenmama und ihrem gemütlichen Labradorkumpel großgezogen wird, aufweist und in allen sofort Muttergefühle oder den Beschützerinstinkt weckt, der wird halt schnell mal für etwas bescheuert gehalten. Was kein Problem wäre, wenn ich tatsächlich einfältig und unfähig wäre. Bloß, wenn so ein knopfäugiges, pausbäckiges Grübchengesicht, das zudem keine 1,60 Meter groß ist, anfängt, sich auf die Hinterfüßchen zu stellen, seinen ganzen Mut zusammennimmt und dann zaghaft sein Anliegen hervorzirpt, das nimmt doch keiner ernst! In dem Moment nützen mir meine inneren Werte gar nichts, weil meine Außenwirkung eine ganz andere Geschichte erzählt.

Aber darf man das denn, so aus moralischen Gesichtspunkten, dass man dann ein wenig schauspielt, sich anders zeigt, als man eigentlich privat ist? Soll man sich dann wirklich künstlich aufregen, nur, damit ein Anliegen deutlich wahrgenommen wird? Ich bin da ja nicht so ganz überzeugt … Vielleicht gibt’s ja auch einen Mittelweg. Möglicherweise kann man sich ja mit langem Atem, Geduld, Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit seine Ziele erkämpfen, ohne sich verstellen zu müssen. Was ist eure Meinung dazu?

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2 Antworten to “Essai 141: Über innere Werte und ihre Außenwirkung”

  1. Ma-Go Filmtipps Says:

    Hi,

    die Phrase „Was zählt, sind die inneren Werte“ ist objektiv betrachtet natürlich kompletter Unsinn. Jeder macht sich ein erstes Bild von seinem Gegenüber und das geschieht logischer Weise über äußere Faktoren wie das Aussehen und die Außenwirkung/Ausstrahlung. Hinzu kommt, dass es mehrere Studien gibt, die beweisen wollen, dass attraktive Menschen erfolgreicher (und damit glücklicher?) sind als weniger attraktive. Das leider unfair, aber wahrscheinlich nicht zu ändern.

    Trotzdem sind die inneren Werte, gerade für „ernsthafte“ Beziehungen wie Freundschaften und Partnerschaften von grundlegender Wichtigkeit. Je oberflächlicher die Beziehung zwischen zwei Menschen, desto oberflächlicher dürfen auch die Werte sein, die zähen.

    Ich persönlich bin schon der Meinung, dass die lobenswertesten inneren Werte auf irgendeine Weise nach außen getragen werden müssen. Sonst bleiben sie für andere verborgen.

    Ich habe zum Beispiel eine Kollegin, die ist attraktiv, immer gut gelaunt und hat einfach eine nette Ausstrahlung. Leider kommt diese Kollegin aber auch hier und da mal zu spät, vergisst permanent irgendwelche Sachen, hält sich nicht an Absprachen, überässt schwierige Aufgaben gerne den anderen und ist allgemein nicht unbedingt das, was ich eine Teamplayerin nennen würde. Um es kurz zu machen: Ich arbeite sehr ungerne mit ihr zusammen und auch im Kollegium hat die Gute nicht unbedingt das beste Standing. Natürlich kann es sein, dass sie privat ehrlich, loyal und zuverlässig ist und für ihre Freunde und Familie ihr letztes Hemd geben würde. All das sind innere Werte, die ich als durchaus löblich und erstrebenswert einstufen würde. Und dennoch wirkt sie auf mich wie das genaue Gegenteil. Es gibt für mich zwei Möglichkeiten: Entweder sie IST egoistisch, unorganisiert, unzuverlässig und arbeitsscheu, oder eben nicht und sie zeigt ihre positiven Eigenschaften aus irgendwelchen Gründen nicht.

    Was bei deinem Artikel für mich ein wenig durcheinander gerät sind „innere Werte“ und „Gefühle“. Bei den Gefühlen bin ich auf deiner Seite, wenn du sagst, dass es manchmal besser ist diese für sich zu behalten und erst mal in Ruhe über alles nachzudenken. Gefühle sind jedoch auch spontane und (relativ) kurzfristige Zustände, während „innere Werte“ relativ stabile (natürlich verändern diese sich miit der auch!) Merkmale eines Menschen sind.

    Um also deine Schlussfrage zu beantworten:
    Ich denke schon, dass ein gewisses Maß an strategischem Kalkül (und damit Schauspielerei) durchaus legitim und hilfreich ist, um seinen Zielen näher zu kommen. Stichwort „“künstlich aufregen“. Wut und Ärger als Gefühle lassen sich eventuell von begabten Leuten simulieren und zielorientiert einsetzen.
    Ich denke aber, dass sich innere Werte eben nicht einfach schauspielen lassen.
    Ich persönlich muss in meiner Position jeden Tag „Ärger“ simulieren, auch wenn mich bestimmte Dinge eigentlich kalt lassen und/oder ich sogar Verständnis für gewisse Fehlverhalten habe. Die Regeln müssen aber nun mal eingehalten werden.
    Trotzdem kann ich Werte wie Ordung und Sauberkeit nicht gekünstelt einfordern, wenn diese bei mir selbst nicht sonderlich ausgeprägt sind. Anders sieht es da bei Werten wie Toleranz und Fairness aus. Das versuche ich aus persönlicher Überzeugung heraus meinen Mitmenschen, privat wie beruflich, vorzuleben.

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    • Isabelle Dupuis Says:

      Ach, stimmt, das habe ich gar nicht gemerkt, dass ich Gefühle und Persönlichkeitsmerkmale durcheinander geworfen habe 🙂 Das ist natürlich ein wichtiger Unterschied. Ich glaube, wenn man ernst genommen werden möchte, darf man wahrscheinlich nicht zu stark seine Gefühle zeigen. Aber die inneren Werte, sprich die Persönlichkeit, die sollte man dafür denke ich nicht zu sehr verstellen. Sonst wirkt das unauthentisch und Menschen mit etwas feineren Antennen merken dann, dass man ihnen etwas vormacht oder was verbirgt. (Da besteht bei mir keine Gefahr, ich bin ein offenes Buch)

      Das mit dem sich künstlich aufregen muss ich noch ganz schön üben. Mich nervt das nämlich kolossal, wenn ich meinen Standpunkt darstellen und dafür einstehen will, und das nicht hinkriege, weil ich zu putzig und niedlich auftrete. Und das mache ich ja überhaupt nicht mit Absicht, da grätschen mir einfach meine inneren Werte dazwischen, weil ich ja nun mal so ein pazifistisch-harmoniebedürftiges, idealistisches Honigkuchenpferd bin. 😦 Wenn ich dann versuche, etwas ehrfurchtgebietender herüberzukommen, sehe ich immer diese kleine Polizistin Hooks aus „Police Academy“ vor mir 😀

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