Essai 105: Über rhetorische Ablenkungsmanöver

Letzte Woche habe ich ja bereits etwas über rhetorische Tricks erzählt, nämlich über die Kunst des unauffälligen Schwafelns. Heute will ich mich wieder bestimmten rhetorischen Strategien zuwenden, und zwar den rhetorischen Ablenkungsmanövern. Das Fiese an diesen hinterhältigen kleinen Biestern ist, dass sie auch dann funktionieren, wenn man sie kennt. Theoretisch etwas zu wissen und trotzdem nicht darauf hereinzufallen sind offenbar zwei Paar Schuhe. Ganz besonders heimtückisch ist das Ablenkungsmanöver, bei dem auf einer idiotischen Nebensächlichkeit herumgeritten wird, sodass das ganze zur Diskussion stehende Thema ins Lächerliche gezogen wird. Das ist allerdings sehr effektiv, denn dann müssen alle lachen und das Problem ist zwar nach wie vor allumfassend vorhanden, aber wenn niemand mehr darüber redet, denkt auch keiner mehr darüber nach und dann kann einfach alles so weiterlaufen wie vorher.

Nehmen wir doch mal ein schön kontroverses Beispiel, die Sexismus-Debatte um Herrn Brüderle vor einigen Monaten. Die Älteren unter uns werden sich eventuell noch an sie erinnern. Das Problem, um das es eigentlich ging, war der nach wie vor weit verbreitete Sexismus in der Gesellschaft und die nach wie vor grassierende Ungleichbehandlung von Frauen und Männern. Da gäbe es noch reichlich Diskussionsbedarf, aber zum Glück für die, denen eine Sexismusdebatte gar nicht in den Kram passen würde, ist die Debatte recht schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Das war eigentlich klar, denn so läuft es immer. Wie dem auch sei, ich bin mal so frei, mich zu erdreisten, dieses ungemütliche Thema wieder hervor zu kramen. Wie ist es denn gelungen, das Thema so schnell wieder abzuhaken? Nun, mit dem rhetorischen Ablenkungsmanöver des Lächerlichmachens durch Herumreiten auf nebensächlichen Schwachsinnsdetails. Es wurde nämlich hauptsächlich dieses Dirndl-Zitat herumgereicht, bei dem Brüderle zu der jungen Journalistin sagte, sie könne problemlos ein Dirndl ausfüllen. Plötzlich ging es nicht mehr darum, dass Sexismus allgemein und überall ein Problem ist, das man mal Schritt für Schritt beilegen sollte, sondern es wurde nur noch darüber hin und her diskutiert, ob es nun ein zwar etwas plump vorgetragenes, aber doch nett gemeintes Kompliment gewesen sei, jemandes Dekolleté zu loben, oder ob das eine Unverschämtheit war. Die, die versucht haben, vernünftig zu argumentieren und zu sagen, das allein war jetzt vielleicht nicht so schlimm, es gehe aber ums Prinzip, hatten ziemlich schnell verloren. Gewonnen haben die, die einfach stur darauf herumgepocht haben, dass man ja wohl auch als älterer Herr einer jungen Frau ruhig mal ein Kompliment machen dürfe, so ein wenig flirten, das tue doch niemandem weh. Puff, vergessen war die Sexismus-Debatte. Äußerst praktisch.

Ein weiteres raffiniertes Ablenkungsmanöver rhetorischer Art ist der Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Funktioniert ebenfalls hervorragend. Angenommen, wir befinden uns in einer größeren Runde und es wird über Sexismus debattiert. Auf einem lächerlichen Detail herumzureiten hat leider nicht den gewünschten Erfolg gebracht und die lästigen Stänkerer halten immer noch nicht die Klappe. Dann kann man den Äpfel-mit-Birnen-Vergleich probieren. Da sagt dann zum Beispiel ein kritischer Querulant: „Das kann nicht angehen, dass es immer noch so wenige Frauen in Führungspositionen gibt und es ist absolut unmöglich, dass Frauen völlig grundlos weniger Geld bekommen als Männer“ und dann kann man den nervtötenden Meckerpott ganz einfach verbal abwatschen indem man ein freundliches Lächeln aufsetzt und sagt: „Ich weiß gar nicht, wo das Problem liegt, wir haben doch eine Bundeskanzlerin, der mächtigste Mensch in der Bundesrepublik Deutschland ist doch eine Frau, ist doch alles prima.“ Zack, dem Quälgeist hat man’s damit aber so richtig gegeben. Es stimmt nämlich, es lässt sich also nichts dagegen sagen. Das ist so, als hätte man einen Korb mit verfaulten Äpfeln irgendwo stehen und daneben liegt eine Birne. Querulant moniert: „Die Äpfel sind verfault“ und daraufhin kontert der Rhetorik-Schlaufuchs mit: „Ja, aber die Birne daneben schmeckt doch prima und Obst ist gesund, ich weiß gar nicht, wo das Problem liegt“ und alle sind zufrieden.

Schließlich ist es auch immer ein geschicktes Ablenkungsmanöver, wenn man den Meckerer einfach mal angreift, das verfehlt seine Wirkung garantiert nicht. Nach dem Motto, Angriff ist die beste Verteidigung, kann man nämlich einfach mal die Frage in die Runde werfen, woher derjenige denn bitte seine Informationen hätte und ob er dazu einige seriöse Quellen, Statistiken und sonstigen Pipapo zur wissenschaftlichen Unterstützung derselben anführen könne. Das kann derjenige meistens nämlich nicht und schwuppdiwupp, wirkt er plötzlich unglaubwürdig, ganz gleich, wie recht er mit seinen kritischen Anmerkungen hatte. Auf die Sexismus-Debatte übertragen liefe diese Strategie folgendermaßen ab. Querulant sagt: „Frauen werden nach wie vor benachteiligt, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeht und das Betreuungsgeld vergrößert diese Benachteiligung sogar noch“ und wenn dann jemand gerade besonders miese Laune hat, kann er demjenigen entgegen pfeffern: „Ach ja? Gibt es dafür irgendwelche Beweise? Haben Sie Zahlen, Statistiken? Worauf basiert Ihre Annahme? Keine Ahnung? Aha, dachte ich mir.“ Und schon kann man sich dessen sicher sein, dass alle anderen beeindruckt schweigen und völlig eingeschüchtert sind und sich nicht mehr trauen, aufzumucken und der lästige Kritiker steht allein da und hält den Mund.

So, das waren erst einmal die rhetorischen Ablenkungsmanöver, die mir eingefallen sind. Wem noch mehr einfallen, gern die Kommentarfunktion nutzen.

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4 Antworten to “Essai 105: Über rhetorische Ablenkungsmanöver”

  1. alphachamber Says:

    „…vor einigen Monaten. Die Älteren unter uns werden sich eventuell noch an sie erinnern…“
    Wie bitte – meinen Sie diejenigen unter uns die schon aelter als 3 Monate sind???

    „…grassierende Ungleichbehandlung von Frauen und Männern. Da gäbe es noch reichlich Diskussionsbedarf…“
    Ja, aber nur bei denen, die der „Kunst des unauffaelligen Schwafelns“ maechtig sind.
    Vielleicht brauchen Sie nur ein Hobby.

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    • Isabelle Dupuis Says:

      Hihi, das freut mich, dass ich das noch erleben darf, ich werde auf meinem Blog beleidigt. Hurra, da habe ich wohl einen Nerv getroffen. Um die konstruktive Kritik aber gleich mal aufzunehmen, hier die direkten Antworten auf die gestellten Fragen. „Wie bitte – meinen Sie diejenigen unter uns die schon aelter als 3 Monate sind???“ – Das war ironisch gemeint. Ich fand’s lustig, tut mir leid, wenn das nicht so rübergekommen ist.
      „Ja, aber nur bei denen, die der “Kunst des unauffaelligen Schwafelns” maechtig sind.
      Vielleicht brauchen Sie nur ein Hobby.“ Wieso? Das IST mein Hobby.

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  2. Isabelle Dupuis Says:

    Übrigens, ich hab ganz vergessen zu erwähnen, dass es auch ein hervorragendes rhetorisches Ablenkungsmanöver darstellt, den Störenfried einfach mal zu beleidigen. Das ähnelt ein wenig dem Vorwerfen mangelnder Belege und Beweise. Das heißt, wenn da einer was sagt, was einem nicht passt, kann man zum Beispiel sagen „Vielleicht brauchen Sie einfach nur ein Hobby“ und wenn man Glück hat, zieht sich die Nervensäge dann traurig bedröppelt zurück. Allerdings ist diese Methode etwas plumper und unsubtiler als das Ankreiden fehlender Beweise. Denn wenn man andere Leute grundlos beleidigt, macht man sich selbst verwundbar, weil man sich damit auf ein Niveau begibt, das sich bequem unter der Tür durchschieben lässt. Da braucht der Querulant dann nur seinerseits die Beleidigung an sich abprallen zu lassen und schon war der Angriff vollkommen wirkungslos. Au contraire, es besteht sogar die Gefahr, dass das Kontern der Beleidigung viel witziger ausfällt, als die Beleidigung selbst und – Zack – steht plötzlich der Angreifer als Trottel da. Beleidigungen wirken dann eher als ein Zeichen von Schwäche und witzige, schlagfertige Antworten darauf wirken souverän und sind ein Zeichen von Stärke. Wenn man also einen Niveau-Limbo vom Zaun brechen will, sollte man sich seinen Gegner vorher genau anschauen und die Beleidigung maßgeschneidert auf denjenigen anpassen. Dann kann das funktionieren. Ein Restrisiko bleibt jedoch immer, daher sollte eher zu etwas raffinierteren und – nun ja – intelligenteren rhetorischen Mitteln greifen, wenn man dem anderen den Wind aus den Segeln nehmen will.

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  3. Essai 157: Über rhetorische Tricks für Wichtigtuer | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] der merkt, dass der Kaiser keine neuen Kleider, sondern gar nichts trägt, braucht man sich beim rhetorischen Aufplustern in der Regel keine Sorgen zu machen. Zumindest habe ich das noch nie erlebt, dass […]

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