Essai 103: Über Keksverbote und zuckerarme Kitas

In letzter Zeit macht wieder eine sehr skurrile Geschichte in den Zeitungen die Runde, bei der ein kleiner Junge aus einer Kita geworfen wurde, weil er Butterkekse zum Essen mithatte. Hier ist zum Beispiel der Bericht des Hamburger Abendblatts und hier ein Bericht von der Welt.

Offenbar lief es so ab: Die Eltern waren eines Morgens besonders in Eile und haben es zeitlich nicht geschafft, ihrem kleinen Sohn ein Brot zu schmieren. Bevor er gar nichts zu essen hat, packten sie ihm ein paar Kekse und Waffeln ein. Nun ist aber die einzige Kita in dem kleinen Örtchen in Schleswig-Holstein, in dem die Familie lebt, ein „zuckerarmer Kindergarten“. Kekse sind strengstens verboten, ebenso Waffeln. Die teuflischen Süßwaren wurden konfisziert, der Junge musste hungern. Nach ewigen Streitereien mit den Eltern warf die Kita den Kleinen raus, kündigte den Vertrag und nun sind die Parteien hoffnungslos verkracht, worunter derjenige am meisten leidet, der am wenigsten mit der ganzen Sache zu tun hat, nämlich der Steppke.

Zugegeben, ich bin da etwas parteiisch und auch die Berichterstattung ist klar auf Seiten der Eltern und des Lütten, Verständnis für die Kita gibt es keine. Ich kenne natürlich auch die Seite der Kita nicht und die Seite der Eltern auch nur aus den Berichten. Deswegen möchte ich jetzt auch weniger auf diesen einen konkreten Vorfall eingehen, sondern die Geschichte als Vorwand nehmen, um mal was über Leute zu schreiben, die völlig kompromisslos allen Menschen ihren Lebenswandel aufzwingen müssen.

Es ist ja durchaus löblich, wenn man sich gesund ernährt. Mach ich ja auch. Also weitestgehend. Aber ist das wirklich so gesund, wenn man gesunde Ernährung zu einem Kult, zu einer Ersatzreligion macht und dann auch noch andere Menschen zu missionieren sucht? Und ist das wirklich so gesund, wenn man sich bestimmte Nahrungsmittel strikt verbietet? Kriegt man da nicht ziemlich miese Laune von mit der Zeit?

Natürlich kann es auch sein, dass man Nahrungsmittel aus ideologischen Gründen ablehnt, wie Vegetarier oder Veganer, und sich da nichts verbieten muss, sondern sich dazu freiwillig entschieden hat. Diese Menschen sind dann aber in der Regel sehr tolerant und lassen anderen Leuten ihr Vergnügen. Bei der Kita in der Geschichte scheint es mir allerdings so zu sein, dass sie alles andere als locker und entspannt wenig Zucker konsumieren, weil sie das für sich als richtig empfinden. Dann wären sie nicht so aggressiv unterwegs und fühlten sich nicht bemüßigt, so kleinen Kindern ihren Lebensstil aufzuzwingen. Das ist so, als würde eine kirchliche Kita nur Kinder aufnehmen, die der gleichen Konfession angehören. Da wäre meine Mutter vor 26 Jahren aber ganz schön angeschmiert gewesen, hätte die einzige Kita in der Nähe gesagt, Nö, wir sind ein evangelischer Kindergarten, ihr Katholenspross kommt uns nicht ins Haus. Oder: Wir sind hier ein christlicher Kindergarten, ihre angehende Atheistin können sie mal schön zu Hause erziehen. Nun begegnete man zwar meiner Familie und mir als französischen Migrationshintergründlern mit einer gewissen Skepsis, aber im Kindergarten durfte ich trotzdem bleiben, soviel christliche Nächstenliebe war dann schon drin.

So ähnlich könnte es doch auch die „zuckerarme Kita“ handhaben. Man muss ja die Kinder nicht mit Schokoriegeln und Cola mästen, aber gelegentlich mal ein Butterkeks ist doch nun wirklich kein Problem. Wenn die Leiter des Kindergartens selbst überhaupt keinen Zucker essen wollen, ist das ja schön für sie, aber das tut doch nicht Not, allen anderen seine Ernährungsgewohnheiten aufzuzwingen. Das reicht doch, dass man nur ein bisschen darauf achtet, dass der Süßigkeitenkonsum im Rahmen bleibt, dann lernen die Kinder gleich einen vernünftigen Umgang mit Genussmitteln, anstatt später einen unkontrollierten Heißhunger danach zu entwickeln, weil es ihnen früher so streng verboten wurde.

Kein Problem wäre es auch, wenn es noch viele andere Kitas in dem Dörfchen gäbe. Dann könnten die Eltern entscheiden, ihr Kind in einem anderen Kindergarten unterzubringen, der toleranter ist und könnten die „zuckerarme Kita“ meiden. So wäre auch das Argument legitim, niemand sei gezwungen, sein Kind von jemandem betreuen zu lassen, der seinen Lebensstil, mit dem man nicht konform geht, allen anderen aufdrängt. Wenn diese Wahl aber nicht besteht, finde ich, könnte man auch mal netter zu den Leuten sein. Aber vielleicht beeinträchtigt das ja auch das Toleranzvermögen, wenn man sich grundsätzlich Kekse verbietet.

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6 Antworten to “Essai 103: Über Keksverbote und zuckerarme Kitas”

  1. joskinoblog Says:

    Interessant hier war die Berichterstattung in der Morgenpost: Zunächst eine die reißerische Schlagzeile zu Gunsten des Kindes und der Familie auf der Titelseite, dann gestern eine deutliche Relativierung mit Darstellung der Sichtweise der Kita, welche behauptet, dass es eben kein Einzelfall war, dass das Kind trotz mehrfachem schriftlichem Hinweis an die Eltern immer wieder mit süßen Waffeln + Keksen in die Kita kam.
    Allein das Einfordern von Toleranz greift hier aus meiner Sicht zu kurz; es ist eben schwierig für die Kita, wenn alle anderen Eltern sich an das vereinbarte Ernährungskonzept halten, und deren Kinder dann ihre Karotten knabbern und mit glasigen Augen zusehen, wie ein Kind Süßigkeiten isst. Man weiß ja, wie in Kinder sind. Wie gesagt, kein Einzelfall, sondern immer wieder geschehen.
    Die Eltern des Junges streiten übrigens auch verwaltungsrechtlich mit dem Kita bzw. der Gemeinde aus verschiedenen Gründen: Einmal hatte der Junge (wohl nach Rangelei mit anderen Kindern) eine aufgeplatzte Lippe, ein anderes Mal nasse Socken (zu lange draußen gewesen trotz Regen). Hier sei die Kita ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen.
    Bei aller liberaler Grundeinstellung, die ich im Prinzip zu haben behaupte: 🙂 Leute, die sehr genau wissen, wenn andere (hier. die Kita) etwas falsch machen und dann auch das Beschreiten des Rechtswegs nicht scheuen, aber zugleich nicht bereit sind, diese strengen Maßstäbe (hier: Einhaltung des Betreuungsvertrags) an sich selbst anzulegen, finde ich schwer erträglich. Insofern fehlt mir die Sympathie für die Eltern völlig.

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  2. Isabelle Dupuis Says:

    Na ja, das stimmt schon, dass das den anderen Kindern gegenüber fies ist, wenn da einer ihnen Süßigkeiten vormümmelt und sie müssen sich mit Möhrchen zufrieden geben. Trotzdem finde ich es generell nicht fair von der Kita, den Kindern grundsätzlich Süßes zu verbieten, das gilt ja für alle Kinder, nicht nur für die, deren Eltern sich jetzt beschweren. Wenn es noch weitere Kitas in der Nähe gäbe und die Eltern ihr Kind auch zu einem anderen, toleranteren Kindergarten bringen könnten, ohne sich Riesenumstände zu machen, dann würde ich sagen, die Kita kann gern so einen rigiden Ernährungsleitfaden beibehalten. Dann kommen eben nur die Kinder da hin, deren Eltern diesen Lebensstil teilen und nichts dagegen haben, ihrem Kind nur zuckerarme Sachen einzupacken. Aber wenn man keine Wahl hat, finde ich, sollte man als gemeinschaftliche Einrichtung etwas toleranter mit unterschiedlichen Lebensentwürfen umgehen.

    Sicher sind die Eltern an der Affäre nicht unschuldig, zu so einem Streit gehören ja immer mehrere Parteien. Ich kann deine Antipathie gegenüber der „Tut was ich euch sage, nicht das was ich selbst tue“-Mentalität absolut nachvollziehen, so was nervt mich auch ungemein. Allerdings denke ich, dass unbeaufsichtigte Rangeleien unter Kindern und nasse Socken (die ja superfiese Erkältungen nach sich ziehen können) dann doch noch eine Ecke schlimmer sind, als gelegentlich mal ein paar Butterkekse zu essen. Da kann man sich dann auch fragen, ob die Kita nicht zu viel Zeit verplempert, auf die Einhaltung übertrieben gesundheitsfanatischer Regeln herum zu reiten und hinterher nicht mehr genug Energie und Zeit hat, sich mit wirklichen Problemen auseinander zu setzen.

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  3. Johannes Göbel Says:

    Ergänzung: Nun hat sich auch Bildblog.de des Themas angenommen und beschreibt insbesondere, dass – im Gegensatz zur in den Medien verbreiteten Story – die mitgenommenen Kekse und der „Rauswurf“ des Kindes nur in einem zeitlich-zufälligen, nicht aber kausalen Zusammenhang standen:
    http://www.bildblog.de/47869/der-kita-krieg-und-die-oekofaschisten

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    • Isabelle Dupuis Says:

      Na ja, so gesehen waren die Kekse wohl der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Am Streit scheinen mir inzwischen beide Parteien gleichermaßen „Schuld“ zu sein. Der pingelige Tonfall „Bitte beachten Sie, dass wir ein zuckerarmer Kindergarten sind“ ist wahrscheinlich durch die vorangegangenen Streitereien begründet, wobei – wenn man bedenkt dass diese schon seit zwei Jahren andauern – das in dem Zusammenhang sogar noch recht freundlich anmutet.
      Ich finde das nach wie vor albern, so rigide gegen Süßigkeiten vorzugehen und halte es für sinnvoller, einen maßvollen Umgang zu lehren, anstatt alles kategorisch zu verbieten. Andererseits, wenn dieser Kindergarten der einzige war, in dem ein Platz frei war, sollte man als Eltern finde ich auch ein wenig zum friedlichen Umgang miteinander beitragen und dem Jungen statt Keksen einen Apfel und eine Banane mitgeben. Selbst wenn man es morgens eilig hat, kriegt man das zeitlich hin. Oder saisonbedingt auch mal eine Mandarine, Weintrauben, Erdbeeren.
      Mir scheint, es beharren beide Seiten auf ihrem jeweiligen Standpunkt und niemand ist bereit, seinen Eigenanteil an dem Schlamassel einzusehen. Insofern ist es tatsächlich so, dass ein vernünftiger Umgang miteinander und eine sachlich-freundliche Kommunikation nicht mehr möglich sind, da ist das dann auch wenig sinnvoll, wenn der Kleine weiterhin da hingeht. Ich denke auch, dass er das unterschwellig mitbekommt, dass dicke Luft ist. Das hätten sich die Eltern vielleicht vorher überlegen sollen, bevor sie die Presse eingeschaltet haben.

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