Essai 97: Über die „Lauter Geisterfahrer“-Mentalität

Ich habe mich ja schon des Öfteren in diesem Blog über Leute aufgeregt, die ihres Erachtens nie Schuld sind und für gar nichts irgendwas können. Heute möchte ich einmal die Grundhaltung dieser anstrengenden Zeitgenossen analysieren. Die ist vergleichbar mit der Attitüde des Typs, der verkehrt herum auf die Autobahn fährt und sich über die ganzen Geisterfahrer aufregt, die ihm entgegen kommen. Dass er derjenige ist, der einen Fehler gemacht haben könnte, ist eine Idee, auf die er niemals kommen würde. Weil es in seiner Welt, seiner Wirklichkeit schlicht nicht vorkommt, dass er sich irrt. Und sollte irgend ein Todesmutiger es wagen, ihn auf die Möglichkeit aufmerksam zu machen, dass er gegebenenfalls eventuell vielleicht nicht ganz so richtig liegt, dann ist aber Schluss mit lustig. Ist doch wahr. Was erlaubt der sich.

Übrigens ist diese „Lauter Geisterfahrer“-Mentalität meiner Beobachtung zufolge ein recht weit verbreitetes Phänomen. Nun ist es aber natürlich eine der kniffligen Seiten der „Alle machen alles falsch nur ich nicht“-Attitüde, dass man selbst gar nicht merkt, dass man diesem Irrglauben aufgesessen ist. Im Grunde genommen gehe ich ja auch wie selbstverständlich davon aus, dass ich was Besseres bin als die Wirklichkeitsverdreher, die ich hier kritisiere. Vielleicht ist ja meine Sicht der Dinge auch totaler Quatsch und ich merke das gar nicht. Bis zu einem gewissen Grad muss man wohl auch davon ausgehen, dass man selbst richtig liegt, sonst wird man ja bekloppt und kommt gar nicht mehr von der Stelle. Widmen wir uns also wieder dem übertriebenen Phänomen des Sich-selbst-für-unfehlbar-haltens. Mit solchen Leuten kann man ja auch überhaupt nicht reden, weil sie sowieso alles besser wissen. Ich frag mich nur: Wenn sie alles TATSÄCHLICH besser wissen, dann ist doch alles gut. Warum sind sie dann gleich beleidigt und pampig, unwirsch, unsachlich und gemein, wenn man den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen dreisterweise anzweifelt? Wenn ich dermaßen die Weisheit mit Löffeln gefressen hätte, dass ich die Antworten auf alle Fragen wüsste (außer „42“, versteht sich), dann würde ich mich doch freuen und mein Allwissen mit meinen Mitmenschen teilen, damit jeder was davon hat. Anstatt dann so mürrisch und übellaunig darauf zu warten, dass irgendein Wicht mein allumfassendes Tausendsassatum anzuzweifeln sich erfrecht, um diesen dann aus meiner Sicht verdientermaßen in der Luft zu zerfetzen.

Ohnehin kann man mit Menschen, die alle anderen als ihre Feinde betrachten, die absichtlich alles falsch machen, nur um sie zu ärgern, nicht viel mehr machen, als ihnen bestmöglich aus dem Weg zu gehen. Man kann ihnen sowieso nichts recht machen. Fragt man sie, was man für sie tun kann, hätten sie eigentlich erwartet, dass man von alleine drauf kommt. Fragt man sie nicht und macht einfach, was man selbst für richtig hält, tut man garantiert das Gegenteil von dem, was sie gewollt hätten. Und dann regnet es zuverlässigerweise Vorwürfe, die die Sich-permanent-angegriffen-fühlenden sich aus irgendwelchen küchentischpsychologischen Astro-Esoterik-Ratgebern zusammengeklaut haben oder wahlweise aus qualitativ fragwürdigen Fantasyfilmen. Dann geht das los mit: „Du musst lernen loszulassen, nie nimmst du Rücksicht, werde endlich erwachsen, du darfst vor deinen Problemen nicht davonrennen, ich bin dir doch völlig egal, meine Gefüüüüüüüüühle sind dir doch gar nicht wichtig, aber hör auf, dich einzumischen und überhaupt, nie fragst du mal nach, wie es mir geht, du fragst zwar, aber nicht mit dem richtigen Tonfall, ich merk das doch, du meinst das nicht ehrlich, jammerschluchzheul…“ – Anstrengend.

Mit solchen Leuten auszukommen ist auf Dauer ein Ding der Unmöglichkeit. Ich sag das ja nur ungern, sonst bin ich ja meines Zeichens unverbesserliche Optimistin, aber an den „Lauter Geisterfahrer“-Überzeugungstätern beiße ich mir die Zähne aus. Beratungsresistenz, Lernimmunität, Unbelehrbarkeit, Uneinsichtigkeit, Kritikunfähigkeit und – das Schlimmste – nichtvorhandene Sensibilität bei gleichzeitigem Überempfindlichsein gegen alles und jeden, machen diese Menschen zu asozialen Arschlöchern, die einem das Leben zur Hölle machen. Und das ist noch nett ausgedrückt. Aber sie können ja nichts dafür, denn ihre Mutter hat ihnen im zarten Alter von vier Jahren mal Spinat zu essen gegeben, obwohl sie Würstchen wollten oder sie wurden von ihrem Hamster gemobbt, als sie zehn Jahre alt waren oder in der Schule fand mal einer den Pulli doof, den sie anhatten oder sie waren das Jüngste von mehreren Geschwistern oder oder oder. Und das nimmt man dann als Vorwand und Begründung, warum man sich wie ein Riesenarschloch benimmt. In Ermangelung konkreter Vorkommnisse, die den eigenen miesen Charakter verschleiern sollen, kann man sich auch einfach einbilden, das wahlweise die Mutter, der Vater oder beide einen nie wirklich geliebt haben. Davon ausgehend findet man dann bei ausgiebiger Suche auch bestimmt genug Hinweise, die das untermauern und schon hat man allen Grund, andere Menschen wie Dreck zu behandeln. Super.

Wer nun glaubt, ist doch alles prima, die armen Tropfe sehnen sich nur nach ein bisschen Liebe, Frieden und Herzenswärme, der irrt. Nein, mittlerweile glaube ich, es geht wirklich hauptsächlich darum, dass sie sich scheiße fühlen und überhaupt nicht einsehen, dass es irgendwem in ihrer Nähe nicht genauso scheiße geht und deswegen unternehmen sie alles, um dem entgegen zu wirken. Wäre ja auch noch schöner. Am Ende würden sie sich von der guten Laune ja noch anstecken lassen und dann wüssten sie nichts mehr mit sich anzufangen. Die „Alle sind gegen mich“-Haltung ist dann schon zur zweiten Haut geworden, wo man sich ja irgendwie dann auch ganz heimelig und vertraut fühlt. Lieber ein Unglück, das man kennt, als ein eventuelles Glück, das im Ungewissen verborgen ist. Übrigens wäre es ein unverzeihlicher Faux-pas, solchen Zeitgenossen gegenüber Mitleid oder Mitgefühl zu zeigen. Dann kriegt man nämlich die geballte Ladung Kratzbürstigkeit ab, was einem denn einfiele, man komme sehr wohl allein zurecht und man brauche keine anderen Menschen und Mitleid oder Mitgefühl sowieso schon mal gar nicht. Wer nun denkt: Moooment, weiter oben hat sich doch der fiktive exemplarische Störenfried doch noch darüber beklagt, dass niemand auf seine Gefühle Rücksicht nehme und nun beschwert sich derjenige über Mitgefühl? Ja, was denn nun? Was will er denn dann? Das weiß wohl keiner. Am Allerwenigsten noch der Störenfried selbst.

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