Essai 65: Über konjunktivierte Lebensentwürfe

„Wenn ich erst einmal XY hätte und dann irgendwas tun würde, könnte ich endlich Blablabla, aber da müsste natürlich Dings erst Bla-Blubb tun, damit …“ Jeder kennt sie, diese entschlossenheits-allergischen Kauze, die sich grundsätzlich nur im Konjunktiv ausdrücken. Diese zugegebenermaßen nicht immer leicht zu ertragende Macke geht häufig einher mit einem Mangel an Einsicht in die eigene Verantwortung.

Da sind dann immer gleich die Umstände Schuld, wenn irgendetwas nicht so läuft, wie man sich das vorher konjunktivisch zurechtgebastelt hatte. Oder „die Anderen“, die sind eigentlich auch immer Schuld. Nur man selbst natürlich schon wieder nicht. „Ja, hättest du mir das früher gesagt, dann hätte ich ja noch dingsdabums machen können, aber jetzt ist das natürlich zu spät, …“.

Interessanterweise erwarten unsere konjunktifiezierten Freunde dann ja auch von „den Anderen“, dass diese zu jeder Zeit absolut komplett total restlos im Bilde darüber sind, was sie sich in ihrem Hirn schon wieder an Bedingungsketten und Möglichkeitsbaugerüsten zurechtgeschustert haben. Sprich: Man soll Gedanken lesen können. Und sich dann an dem Gelesenen orientieren und sich GENAU so verhalten, wie diese Quälgeister sich das gedacht haben, damit ihre Bedingungskette nicht zerbricht und ihr Möglichkeitsbaugerüst nicht zusammenkracht.

Das funktioniert natürlich in den wenigsten Fällen, also eigentlich nie. Und dann hagelt’s wieder fröhlich Vorwürfe: „Du hättest doch wissen können, dass ich nicht wasweißich tun würde, während es draußen regnet und ich morgens mit dem linken Fuß aufgestanden bin. Dann wüsstest du nämlich auch, dass ich nie wasweißich tue, wenn es draußen regnet und ich grundsätzlich immer schlechte Laune habe, wenn ich nicht mit dem rechten Fuß aufgestanden bin. Ich hätte gedacht, du würdest mich inzwischen besser kennen, hätte ich gewusst, dass ich mich da so in dir täusche, wäre ich jetzt auch nicht in der Lage, in die du mich gebracht hast…“

Anstrengend, nicht wahr? Es ist wirklich zermürbend und man kann sich nicht wirklich gegen diese perfide Methode emotionaler Erpressung wehren. Die Konjunktivisten haben nämlich obendrein in den meisten Fällen auch ein hervorragendes Gedächtnis für alles Mögliche. Die erinnern sich dann noch an Gedöns, das man vor etlichen Jahren mal in einem Anfall geistiger Umnachtung vor sich hin geplappert hat und nutzen das dann, um es einem bei Gelegenheit vorzuhalten („Hättest du damals nicht blablabla gesagt, würde ich das ja jetzt ganz anders sehen“). Und man kann ihnen nicht wirklich widersprechen, weil man selbst gar nicht mehr genau weiß, ob man Besagtes nun vom Stapel gelassen hat oder nicht.

Wahrscheinlich ist es das Beste, man begegnet diesen Zeitgenossen mit einer heiteren Gelassenheit und lässt sie da ihre Konjunktive aufzählen und schmunzelt in sich hinein, wenn man wieder mal an allem Schuld ist. Denn spielte man das Spiel des Konjunktivisten mit und ließe sich auf seine Vorwürfe ein, käme man aus dieser Tretmühle niemals heraus.

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Eine Antwort to “Essai 65: Über konjunktivierte Lebensentwürfe”

  1. Isabelle Dupuis Says:

    Inzwischen habe ich das Konzept des „wunderbaren Konjunktivs“ von Uwe Timm kennengelernt. Das bezieht sich im Kern darauf, dass die ‚Wirklichkeit‘, wie wir sie jeweils wahrnehmen und die historischen ‚Fakten‘ von Geschichte so sein KÖNNTEN, wie wir sie für ‚richtig‘ halten, sie KÖNNTEN aber auch ganz anders sein. Das ist denke ich ein wichtiger Punkt, dass der Konjunktiv nicht nur nervt, wie ich es in meinem Essai beschrieben habe, sondern – bewusst eingesetzt – auch eine relativierende Nuance in unsere Wirklichkeitskonstrukte und Normkonzeptionen bringt, die einen daran hindern, zum besserwisserischen, selbstgerechten Querulanten zu verkommen.

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