Essai 61: Über das zwiespältige Verhältnis der Deutschen zu Comics, Trickfilmen etc.

Manchmal sind meine Landsleute – tut mir leid das sagen zu müssen – ignorante Banausen. Und nicht nur das, sie ignorieren sogar ihr ignorantes Banausentum. Schlimm, schlimm, schlimm möchte man da sagen.

Wie oft erlebe ich hierzulande, dass sich jemand für furchtbar intellektuell und über alle Maßen gebildet wähnt und dann noch nie auch nur eine Folge von den „Simpsons“ gesehen hat. Geschweige denn in ein Album von Tim und Struppi, Johann und Pfiffikus oder Asterix und Obelix geschaut.

Warum nicht? Weil es „was für Kinder“ sei. Warum das? Weil es gezeichnet ist.

Das ist der einzige Grund.

Denn – wie ja allgemein bekannt ist – Kinder sind dumm (wie einst schon die überaus intelligenten Einbrecher in Kevin allein zu Haus feststellten und die müssen es ja wissen). Daher kann das, was „für Kinder“ ist, auch nur was für Idioten sein und da ist sich unsere erwachsene intellektuelle Elite zu schade für.

Es ist hier in unserer Kultur wirklich ein großer Irrtum zu beobachten. Allein schon, dass man alles, was gezeichnet ist, in einen Pott schmeißt, ist eine Riesenidiotie. Man kann doch nicht die Simpsons mit zum Beispiel dieser Barbie-Trickfilm-Serie auf SuperRTL vergleichen oder Asterix und Obelix mit Hulk. Wobei… Warum eigentlich nicht? Ich bin mir sicher, dass man mit etwas Interesse, Neugierde und wissenschaftlicher Offenheit auch bei Barbie und Hulk etwas finden kann, über das es sich kritisch nachzudenken lohnt. Das Frauenbild bei Barbie im Vergleich zur Simpsons-Folge Lisa contra Malibu Stacy oder die Rolle der Gewalt in Asterix und Obelix im Vergleich zu Hulk. Wäre bestimmt interessant.

Comics und Trickfilme ermöglichen doch gerade dadurch, dass sie gezeichnet sind, Sozial- und Gesellschaftskritik, politische Anspielungen, literarische Zitate und historische Zusammenhänge ironisch und nur scheinbar harmlos zu verpacken.

Und wenn man sich dann einfach hinstellt und hoch erhobenen Hauptes deklariert, man halte von „so etwas“ nichts, dann finde ich das borniert und dämlich. Wenn man nämlich einfach mal genauer hinschaute, würde man entdecken, dass sich die Macher zumeist einiges dabei gedacht haben und dass Trickfilme und Comics häufig – wenn sie gut gemacht sind – auf mehreren Ebenen funktionieren. Eine Ebene ist sicher oft, dass es auch für Kinder gemacht ist. Aber es gibt immer auch Ebenen, die den Intellekt ansprechen, auch den eines Erwachsenen (sofern vorhanden), wenn man bereit ist, neugierig hinter die Oberfläche zu gucken.

Das aber würde bedeuten, dass das doch ganz gut funktionierende Weltbild und die Definition der eigenen Persönlichkeit als intellektueller Kunstkenner ins Wanken geriete. Und das darf natürlich nicht passieren. Wo kämen wir denn da hin.

Ich hab zum Beispiel als Kind literarische Meisterwerke wie Krieg und Frieden, Die Leiden des jungen Werther oder Der geteilte Viscomte durch die Lustigen Taschenbücher kennengelernt und bin dadurch überhaupt erst dazu angeregt worden, das Original zu lesen. Durch Asterix und Obelix habe ich meine Lateinkenntnisse erlangt (ich spreche zwar nicht fließend, aber immerhin). Durch Johann und Pfiffikus verfeinerte ich meine Sprachkenntnisse (im Original ist es in einem hervorragenden Französisch geschrieben und auch übersetzt ist die Sprache einwandfrei) und lernte, wie die mittelalterliche Gesellschaft aufgebaut war. Und die Simpsons bringen mich auch dann noch mit ihrer Gesellschaftskritik zum Lachen und Staunen, wenn ich die Folge schon fünf Mal gesehen habe.

Und dann soll noch einer sagen, alles was gezeichnet ist, ist für Vollidioten (Kinder)?

Es ist wohl eher umgekehrt. Wer es nötig hat, herablassend über Dinge zu urteilen, über die er nichts weiß, ist ein Idiot.

Aber was weiß denn ich schon. Ich mag Comics und Trickfilme. „So jemandem“ kann man doch nicht trauen…

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2 Antworten to “Essai 61: Über das zwiespältige Verhältnis der Deutschen zu Comics, Trickfilmen etc.”

  1. Essai 69: Über unterschwellige Ideologievermittlung in angeblichen Kinderfilmen « Isa09′s Weblog Says:

    […] als „Kinder-irgendwas“ zu deklassieren. Über dieses Thema hatte ich ja bereits im Essai 61 geschrieben. Man scheint hier nämlich so zu denken, wie der eine Einbrecher in „Kevin – allein zu […]

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  2. Isabelle Dupuis Says:

    Übrigens scheint – gaaaaanz laaaaangsaaaam – ein Sinneswandel in Deutschland bezüglich der Bewertung von Comics stattzufinden. Allerdings nur, wenn man die gezeichneten bzw. bebilderten (manchmal sind ja auch Fotos hineingemischt oder es wird eine andere Technik zum Kreieren eines Bildes benutzt als Zeichnen) Geschichten nicht ‚Comics‘ nennt, sondern ‚Graphic Novels‘. Dann kann der deutsche pseudo-intellektuelle elitäre Bildungssnob, der was auf sich hält, weiterhin in seinem dualistischen Weltbild alles schön in U- und E-Kultur unterteilen, ohne sich eine Blöße zu geben. Comics sind U(nterhaltung), Graphic Novels sind E(rnst), alles hat seine Ordnung, wunderbar, die Welt ist schön und ich bin voll klug. Neulich gab es im Hamburger Literaturhaus sogar die ersten ‚Graphic Novel Tage‘. An einem Abend war ich auch da, Ralf König und Posy Simmonds wurden interviewt und durften über ihr Leben und ihre Arbeit erzählen. Das war sehr interessant und ich hoffe, dass sich das weiterentwickelt. Und dass sie das nächste Mal einen weniger bornierten Moderator da hinsetzen (‚Tschuldigung, aber ist doch wahr!). Erstens hat der sich manchmal schlichtweg geirrt, zweitens hat er mit einer naserümpfenden Arroganz die Comics von Posy Simmonds und Ralf König verintellektualisiert und da sonstwas reingedeutet, nur um allen zu zeigen, wie toll er sich auskennt. Dabei ging es ja wohl nicht um ihn. Hab seinen Namen auch schon wieder vergessen. Na ja, aber man darf vielleicht auch nicht zuviel erwarten. Ist doch schön, dass zumindest ‚Graphic Novels‘ allmählich als salonfähig gelten. Bis man aber aufhört, ‚Asterix und Obelix‘, ‚Tim und Struppi‘ oder ‚Die Lustigen Taschenbücher‘ als jugendverdummenden Unfug verächtlich abzutun, ist es wohl noch ein langer Weg…

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