Essai 58: Über Leute mit selbsernanntem Bildungsauftrag

Manchmal muss ich mich doch sehr wundern, wie ungern Leute vor ihrer eigenen Haustür kehren und mit was für einem Vergnügen sie im Glashaus sitzen und einen Stein nach dem anderen fröhlich durch die Gegend pfeffern.

Wobei…

Wahrscheinlich bin ich da auch nicht viel besser…

Dumdidum…

Egal. Um mich geht’s hier jetzt nicht.

Heute habe ich mal diejenigen auf dem Kieker, die sich aufplustern und aufspielen und den großen Moralapostel und Erziehungsberechtigten raushängen lassen und mit unaufhaltsamer Energie ihren selbsternannten Bildungsauftrag verfolgen. Einen Bildungsauftrag, dessen Sinn und Zweck nur sie selbst einsehen, ihre Opfer, die erzogen werden sollen, jedoch nicht.

Irgendwie scheint es nicht unbedingt in der Natur des Menschen zu liegen, andere Menschen einfach mal in Ruhe machen zu lassen.

Besonders beliebt in Sachen Bildungsauftrag ist das Erwachsen sein, werden, was auch immer. Dabei ist unser Erziehungsberechtigter selbstverständlich derjenige, der ganz genau weiß, wann man sich erwachsen aufführt und wann nicht. Sprich, die Gewohnheiten und Macken des Bildungsbeauftragten sind erwachsen, die des Zöglings wider Willen nicht. Klingt soweit ganz einfach.

Achtung ist geboten, denn als Bildungsbeauftragter darf man auf GAR KEINEN FALL auch nur ein einziges Mal mit dem Gedanken spielen, seine Mission objektiv zu betrachten. Für sowas ist keine Zeit, der Auftrag muss schließlich ausgeführt werden und duldet keinerlei Aufschub.

Ganz wichtig ist auch, dass man seine Bildungsmission nicht ein einziges Mal infrage stellt. Man darf sich auch auf gar keinen Fall dazu hinreißen lassen, auch nur das kleinste Bisschen Empathie oder Einfühlungsvermögen bezüglich des Zöglings zuzulassen. (Dann würde nämlich auffallen, dass die ganze Aktion vollkommen bescheuert ist und nur dazu dient, sich nicht um seinen eigenen Kram zu kümmern.)

Mit dem Erwachsen sein, werden, was auch immer ist das sowieso wieder so eine Sache. Jeder versteht etwas anderes darunter. Ich zum Beispiel bin der Meinung, erwachsenes Verhalten ist ein solches, bei dem man sich erst einmal um seine eigenen Baustellen kümmert und dann auf NACHFRAGE anderen Menschen unter die Arme greift. Gut, im Grunde kann man auch auf Nachfrage anderen helfen, wenn man selbst noch nicht ganz fertig ist. Aber anderen Leuten seine eigenen Ansichten aufzudrängen und das auch noch ohne darum gebeten worden zu sein, finde ich nicht erwachsen. Das ist einfach nur nervig. Erwachsen ist es meiner Meinung nach auch, wenn man sich nicht nur seiner eigenen Schwächen bewusst ist, sondern wenn man an ihnen arbeitet, anstatt so zu tun, als wären das gar keine Schwächen und als sei man total stolz drauf. Das ist nicht erwachsen, das ist anstrengend. Mit solchen Leuten kann man nämlich nicht reden. Auch sehr unerwachsen.

So. Dann gibt es aber auch Leute, die erwachsen sein nicht von einer charakterlichen Reife abhängig machen, sondern nur auf rein äußerliche Faktoren stützen. Da kann man innerlich der kindischste, dämlichste Vollidiot sein, wenn man alleine wohnt, ist man erwachsen. Wenn man nie lacht und alles doof findet, ist man erwachsen. Wenn man hohe Schuhe trägt, obwohl die völlig unbequem sind, ist man erwachsen. Oder wenn man einen selbsternannten Bildungsauftrag verfolgt ist man erwachsen. Aber wenn man das alles nicht tut, kann man innerlich noch so reif sein, man ist und bleibt kindisch und muss umgehendst davon geheilt werden.

Das hat mich schon in der Schule genervt. Und es wird nicht besser.

Warum kann man nicht einfach seine Mitmenschen so nehmen wie sie sind? Das heißt natürlich nicht, dass man kritiklos alles hinnehmen muss, was einem so teilweise zugemutet wird. Wenn einen etwas stört, sollte man das freundlich und bestimmt sagen. Aber dann ist gut. Man sollte nicht versuchen, seine Mitmenschen umzuerziehen und sie zu ändern. Das geht sowieso in die Hose.

Man kann nicht die anderen ändern. Man kann nur sich selbst ändern.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Eine Antwort to “Essai 58: Über Leute mit selbsernanntem Bildungsauftrag”

  1. Essai 82: Über die Leiden eines Frustableiters « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] zu jeder sich bietenden Gelegenheit lauthals über diesen Sachverhalt informieren müssen. Für diesen kostenlosen Unterricht im Fach ‚Schuldzuweisung‘ erwarten sie in der Regel auch noch Dankbarkeit, Einsicht in die […]

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: