Essai 57: Über Menschenbilder und Sozialcharaktere

Ich hab in der Zeitung mal wieder was entdeckt. Zur Abwechslung mal nichts Ärgerliches, sondern etwas, das ich interessant fand. Es ging um den heute vorherrschenden „Sozialcharakter“, das heißt um das Menschenbild, das zur Zeit „in Mode“ ist. Sei es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch der „autoritäre Charakter“ gewesen, so ist es im 21. Jahrhundert nun der „histrionische Charakter“ der en vogue ist. „Histrionisch“ heißt soviel wie hysterisch oder theatralisch. Und das fand ich interessant, das ist mir nämlich auch schon aufgefallen, ich hätte nur keinen so griffigen Namen wie „histrionischer Sozialcharakter“ für dieses Phänomen gehabt, sondern eher sowas Umständliches wie: „Lauter nervige, penetrante, geltungssüchtige, künstliche, unauthentische, kreischige, strunzdumme Schaufensterpuppen, die völlig hysterisch und aufgesetzt im Fernsehen völlig ungefragt allen ihr nicht im Geringsten interessantes Privatleben unter die Nase reiben.“

Auch wenn ich gestehen muss, der Unterhaltung wegen ganz gerne mal DSDS zu gucken, ist es doch auffällig, dass die jungen Leute sich da alle auf ein und dieselbe Weise gebahren. Sie verziehen das Gesicht zu Grimassen, werfen die Arme in die Luft und kreischen „OhmeinGott-OhmeinGott-OhmeinGott“, fangen schlimmstenfalls auch noch an zu flennen, weil sie gerade „Hero“ von Mariah Carey jaulend ihrer toten Katze gewidmet haben und überhaupt ist das alles wahnsinnig (und ich meine: wahnsinnig) „emotional“ und so.

Ja.

Ich hab ja nichts gegen Gefühle. Wäre auch Quatsch. Gefühle sind da, ob sie einem passen oder nicht, und da muss man halt mit umgehen. Sie doof zu finden wäre da nicht sehr konstruktiv. Aber was ist denn das, dass alle so völlig hysterisch ihre „Emotionalität“ so zur Schau stellen müssen? Überhaupt, dass das heutige Menschenbild von uns erwartet – oder genauer gesagt, dass unser Verhalten dieses Menschenbild konstituiert – , dass man sich selbst so inszenieren muss. Und wenn hier von „man selbst“ die Rede ist, meint man damit das Gefühlsleben. Irgendwie ist es beinahe „verboten“ sich vernünftig von seinem gesunden Menschenverstand leiten zu lassen. Dann ist man nämlich gleich ein Spießer. Oder ein Streber. Oder beides. Und der Streber-Spießer ist das absolute Feindbild unserer Generation. Und das obwohl meine Generation wieder sich nach Spießigkeit sehnt (siehe meinen Essai über die neospießigen Anwandlungen meiner Generation).

Klar, jeder hat Gefühle und hin und wieder auch mal Gefühle zu zeigen ist sicher nicht schädlich. Aber meiner Meinung nach verfälscht man die echten Gefühle, wenn man sie dermaßen theatralisch aufbauscht. Echte Gefühle muss man nicht extra betonen, die zeigt man eher unbewusst, sogar gegen den eigenen Willen (Passiert mir ständig, ist ziemlich nervig). Wenn man aber seine eigene Persönlichkeit so inszeniert und seine eigene Identität über so kitschig-pathetische Dinge wie „Drama“, „Emotionalität“, „Tragödie“ und „Schicksal“ definiert und seine Gefühle stereotypisiert herausposaunt, wo bleibt dann „man selbst“? Was ist denn daran überhaupt noch echt?

Die Verfloskelung von Gefühlen erreicht bei solchen Leuten ihren Höhepunkt. Ständig hört man von den Kandidaten von Castingshows und Konsorten denselben Quark. Die ausscheidenden Kandidaten werfen sich beispielsweise auf die Knie – wie in einer ganz ganz schlimmen Schmierentragödie – und fangen an zu heulen: „Nein, bitte nicht, das ist mein Leben, das ist mein Leben!!!“ oder – auch sehr beliebt – „Nein, das ist doch mein größter Traum!!“. Die Kandidaten, die weiterkommen fangen meistens erstmal an, Mund und Augen gleichermaßen weit aufzureißen, die Hände ans Gesicht zu nehmen (als Zeichen des Erstaunens nehme ich an, weil sie ja gaaaar nicht damit gerechnet haben, dass sie weiterkommen), mit den Knien Schwung zu holen um dann laut kreischend und „Wuhuu!!!!“ krakeelend allen – inklusive Jury – um den Hals zu fallen.

Wenn man die Kandidaten interviewt, fragt man sie vermutlich auch, was sie in der heutigen Sendung gedenken zu tun. Da hört man dann auch immer denselben alten Mist: „Ja, ich will natürlich heute richtig kämpfen und abliefern und mehr Gefühl zeigen und richtig Gas geben.“

Aha. Wie auch immer.

Meiner Meinung nach ist das Überwältigungskino hollywoodscher Prägung nicht ganz unschuldig daran, dass sich das moderne Menschenbild in Richtung des selbstinszenierten, theatralischen, hysterischen, künstlich-emotionalen Hampelmann entwickelt. Und nicht nur das Kino, sondern die amerikanische Mentalität an sich, wie sie in diversen televisionären US-Importen in unsere heimischen Gefilde Eingang gefunden hat. Ich hab nichts gegen „die“ Amerikaner, aber ich mag diese überemotionale Selbstinszenierung nicht, die typisch amerikanische Machwerke in Metadiskursen verdeckt propagieren. So wird nämlich das Hysterische als normaler Gefühlsausdruck dargestellt und von den Hiesigen unbewusst als Normalität übernommen.

Es gibt viele richtig gute amerikanische Fernsehserien, davon auch viele meiner Lieblingsserien. Das ist leider das Problem mit den deutschen Fernsehserien, die sind entweder peinlichst schlecht (Telenovelas, Seifenopern und Konsorten) oder werden nach wenigen Staffeln abgesetzt, weil sie bei den Leuten, die so ein ominöses Quotenkästchen zu Hause haben nicht gut ankommen (sämtliche Ralf Husmann-Serien wie „Dr. Psycho“, „Der kleine Mann“ oder auch „Stromberg“) oder weil sie ohnehin zu nachtschlafender Zeit laufen. Also versuchen die Quotenjäger es dem Publikum recht zu machen, indem sie entweder gleich amerikanische Serien zeigen, oder indem sie auf ganz peinliche Art und Weise versuchen, amerikanischen Krams mit deutschen Schauspielern zu fabrizieren. Dass da nur Murks bei rumkommt brauche ich wohl nicht zu präzisieren. Wenn amerikanische Schauspieler einen emotionalen Ausbruch nach dem anderen simulieren dann kennt man das schon und man hat sich dran gewöhnt und übersieht das schon fast, dann kann man sich auch aller Ruhe der Handlung widmen. Aber wenn deutsche Schauspieler einen auf emotional machen ist das nur noch ein Anlass zur Fremdscham mehr. Es passt einfach nicht. Das gehört nicht zu unseren herausragenden Eigenschaften übertrieben emotional zu sein, jedenfalls in der Regel. Und das ist auch gut so. Die besten deutschen Komiker (Loriot, Dieter Nuhr) arbeiten genau mit dieser emotionalen Untertreibung und mit sprachlicher Präzision, die Pointen kommen nebenbei, ohne Lärm auf Samtpfoten durch das Hintertürchen und eh man realisiert hat, dass das gerade irre komisch war, ist die Pointe auch schon wieder verschwunden.

Das ist doch gerade spannend, dass es kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gefühlen gibt und auf die kulturellen Unterschiede sollte man sich auch besinnen, einfach, damit es nicht langweilig wird. Zudem befürchte ich, dass dieser hyperemotionale Einheitsbrei dazu führt, dass man abstumpft.

Vielleicht muss ich das näher erklären: Dadurch, dass man es von den Medien gewohnt ist, dass einem übertriebene, pathetisierte, verkitschte, verfloskelte Gefühle vorgespielt werden, nimmt man nur noch diese übertriebenen, inszenierten Gefühle als Normalität, also als Wahrheit an. Das heißt im Umkehrschluss, dass man alles, was nicht so übertrieben ist, entweder gar nicht erst wahrnimmt, oder als nicht normal, also nicht echt, empfindet. Das führt insofern schließlich zu einer emotionalen Abstumpfung, weil man nur noch gekünstelte, aufgesetzte Emotionsausbrüche als echt empfindet, obwohl gerade diese nicht echt sind. Das Gespielte wird zur Realität und die frühere Realität wird als Lüge empfunden. Jemand, der nichts zu seinen echten, wahren, stillen Gefühlen hinzusetzt, wirkt plötzlich verschlossen, als hätte er etwas zu verbergen.

Irgendwie ist das doch verkehrte Welt, oder nicht? Die Lüge wirkt wie die Wahrheit und die Wahrheit wird als Lüge empfunden.

Da muss wohl jeder wählen, was ihm lieber ist.

Was aber meiner Meinung nach ganz wichtig ist, ist, dass man überhaupt wählt. Denn das ist dann eine bewusste Entscheidung, die man getroffen hat. Dann ist es nicht so, dass man unbewusst manipuliert wurde, dass man sich hat verscheißern lassen und völlig unkritisch das als Normalität empfindet, was einem als Normalität verkauft wird. Ich kann es nur immer wieder betonen: Man muss häufiger mal als gegeben erachtete Dinge hinterfragen. Oft sind sie nämlich nicht gegeben, natürlich oder normal, sondern inszeniert und konstruiert und unthematisiert.

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