Essai 55: Über Genuss und Dekadenz

Bevor ich etwas zur Dekadenz schreibe, muss ich den Begriff erstmal abgrenzen. Unser diplomatisches Naturtalent von einem Außenminister hat den Begriff der „[römischen] Dekadenz“ nämlich kürzlich im Zusammenhang mit HartzIV-Empfängern erwähnt, davon möchte ich mich schon mal distanzieren. Außerdem muss ich den Begriff auch noch davon abgrenzen, dass die Nazis ihn synonym mit „entartet“ gebraucht haben, der Kontext ist mir bekannt und das, was ich unter „Dekadenz“ verstehe, hat nichts mit der Glorifizierung der Vergangenheit zu tun. Ich meine auch nicht die Kunstrichtung der „Dekadenz“. Allerdings meine ich „Dekadenz“ auch nicht im positiven Sinne, das gibt’s nämlich auch.

Nein, ich meine mit Dekadenz den Verfall (denn nichts anderes bedeutet „Dekadenz“) des natürlichen Maßempfindens des Menschen, das – meiner Meinung nach – Voraussetzung dafür ist, etwas genießen zu können. Das Maßempfinden erfordert Bewusstsein über das eigene Handeln und den eigenen Konsum. Und wenn man dieses Bewusstsein verliert, verliert man auch das Maß und bekommt nicht mehr mit, wenn aus Genuss Dekadenz wird.

Ein Beispiel: Ich geh ganz gerne ins Kino. In den großen Multiplex-Kinos ist mir allerdings ein bemerkenswertes um nicht zu sagen beunruhigendes Phänomen aufgefallen. Wie ferngesteuerte Rindviecher drängen sich die Menschenmassen an den Fressausgaben, um sich mit fettigen Nachos in glutamatisierter Sosse, klebrigem Popcorn und verzuckerten Softdrinks (deren kleinste Größe 0,5 Liter sind) einzudecken. Dann stehen sie auf, wenn der Abspann noch läuft und hinterlassen einen widerlichen Saustall im Kinosaal: Popcorn auf, in, unter den Sitzen, halbleer gefressene Nacho-Plastikschalen mit stinkigen Sossenresten, 1,5 liter-Kanister mit Zuckerwasser und überall Müll. Sicher, man MUSS seinen Dreck nicht mitnehmen, weil es ja Leute gibt, die dafür bezahlt werden anderer Leute Scheiß wegzumachen. Trotzdem zeugt das von einer Respektlosigkeit gegenüber a) den Filmmachern, weil man durch das vorzeitige Aufstehen signalisiert, dass es einem scheißegal ist, wer einem gerade den – hoffentlich – unterhaltsamen Abend ermöglicht hat und b) den jungen Leuten, die den ganzen Mist wieder aufräumen müssen.

Ich denke, in einem solchen Verhalten zeigt sich eine aktuelle Tendenz zu einer Konsumhaltung, die völlig gedankenlos, unreflektiert, maßlos und geschmacklos ist. Da wundert es einen, was überhaupt dieses ominöse Gen sein soll, das den Menschen vom Schwein unterscheidet. Vielleicht ist es das Sympathie-Gen? Schweine sind nämlich wenigstens irgendwie nett.

Meiner Meinung nach kann man dieses maßlose, unreflektierte Konsumieren als Dekadenz bezeichnen. Anstatt ab und zu sich bewusst dafür zu entscheiden, sich mal ein Tütchen Popcorn im Kino zu gönnen, das dafür aber bewusst zu genießen, dann ganz bewusst dem Film zu folgen und interessiert zu gucken, wer denn da alles mitgearbeitet hat und hinterher bewusst darauf zu achten, seinen Müll mitzunehmen und selbst in die Tonne zu werfen, macht man einfach automatisch irgendwas, lässt sich wie ein Idiot von der Konsumgüterindustrie und der Fettmacherindustrie fernsteuern und manipulieren und verliert dabei jeglichen Sinn für das Schöne.

Was ist daran so schlimm, ab und zu innezuhalten, über sein Konsumverhalten nachzudenken und gegebenenfalls zu ändern? Schmecken Popcorn und Konsorten wirklich so gut, wenn man sie seelenlos in sich hineinstopft und das jedes Mal wenn man im Kino ist? Schmeckt es nicht viel besser, wenn man es ab und zu bewusst genießt? Ist es nicht vielleicht sogar so, dass es nur so überhaupt nach irgendetwas schmeckt? Und lässt sich das nicht auf sämtliche Konsumgüter übertragen? Ist beispielsweise Komasaufen wirklich so viel besser als ab und zu ein Glas was weiß ich zu genießen?

Übermaß führt zu Maßlosigkeit, Maßlosigkeit zu Bewusst-losigkeit und Bewusst-losigkeit zu einem Verlust von Genuss und somit von der Freude am Leben.

Ab und zu sollte man doch kurz innehalten, denken und dann erst handeln.

Advertisements

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: