Archive for 17. Februar 2010

Essai 56: Über den Konflikt zwischen Höflichkeit und Ehrlichkeit und daraus resultierende Missverständnisse

17. Februar 2010

Falls jetzt einem aufmerksamen Leser der Titel bekannt vorkommt, ich habe tatsächlich schon einen Essai über Ehrlichkeit und einen über Höflichkeit geschrieben. Aber noch nie etwas über die Missverständnisse, die entstehen, wenn man versucht, den schmalen Drahtseilakt zu meistern, Höflichkeit und Ehrlichkeit in Einklang zu bringen.

Ich versuche das ständig und mir fällt immer wieder auf, dass manche Leute dann einfach nicht kapieren, was ich zu sagen versuche. Dann rede ich mich um Kopf und Kragen, veranstalte einen Eiertanz und verwickele mich infolgedessen in Widersprüche, weil ich versuche, auf nette, höfliche Art und Weise meine nicht hundertprozentig schmeichelhafte Meinung ehrlich zu äußern.

Dabei sollte das doch eigentlich zu schaffen sein, oder? Es gibt doch nicht nur Schwarz und Weiß, Wahrheit und Lüge, es gibt doch auch noch Graustufen und Farben.

Das Problem ist, dass nicht jeder gleich empfänglich für subtile Untertöne ist und dass überhaupt auch nicht jeder willens ist, selbst die eindeutigste Andeutung zu begreifen.

Ich weiß nicht, ob das wirklich ein völliger Mangel an Empathievermögen zur Ursache hat, oder ob mich diejenigen welchen einfach nur zur Weißglut treiben wollen, in dem sie mich absichtlich nicht verstehen.

Nehmen wir zur Veranschaulichung mal eine typische, an Heikelkeit kaum zu überbietende Situation: Schauplatz Uni-Campus, ein (vermuteter) Verehrer, der in den vorangegangenen Begegnungen stets mehr oder weniger zweideutige Bemerkungen gemacht hat, hat einen erblickt und kommt auf einen zu. Um aus dem Weg zu gehen, ist es zu spät. Man muss sich also unterhalten. Man unterhält sich auch gern. Aber man weiß nicht, was zum Henker er bloß mit „kosmischen Zufällen“ und „mal auf nen Kaffee treffen“ meinte. Man mag aber auch nicht so recht fragen, falls er es doch völlig harmlos gemeint hat, man will sich ja nicht blamieren. Was tut man also?

Eiertanz, Drahtseilakt, Kopf und Kragen. Man versucht so unverfänglich wie möglich zu plaudern und hofft, dass er nicht wieder eine von diesen komischen Andeutungen macht. Da kommt aber schon wieder sowas. Oha, diesmal war das aber nicht zweideutig, sondern, Auweia… „Ähm, also, öhm, nun ja, also ich weiß ja nicht, ob ich das richtig interpretiere, aber … ähm… also, ich hab nen Freund.“ Puh, jetzt ist alles endlich mal geklärt. Ach ja? Pustekuchen. Der Versuch, höflich und gleichzeitig ehrlich zu sein, ist einmal mehr grandios gescheitert. Seine Antwort: „Macht doch nichts, was der nicht weiß, … also, mein Angebot steht.“

Mist.

Es ist entweder so, dass Menschen tatsächlich nicht alle die gleiche „Sprache“ sprechen und von „verschiedenen Planeten“ kommen, oder manche Leute sind einfach chronisch bescheuert. Oder bösartig. Ich finde das nämlich ganz und gar nicht erfreulich, wenn ich mich sichtlich abmühe, auf nette Art einen unangenehmen Sachverhalt zu erläutern und der andere kapiert absichtlich überhaupt nichts. Wenn er einfach nur bescheuert ist, kann er ja nicht wirklich was dafür. Da muss ich mich dann wohl auch ganz einfach darauf einstellen und klarere Worte wählen. Etwa: „Du bist bescheuert und ich find dich scheiße.“ Wenn er dann immernoch nichts schnallt, ist er dann wohl doch bösartig.

Trotzdem möchte ich meinen Mitmenschen gerne nahelegen, ruhig mal etwas nachsichtiger mit Leuten wie mir zu sein, die hoffnungslos herumeiern, weil sie den anderen nicht verletzen wollen. Und man kann ja auch ganz sachlich und freundlich und vorwurfsfrei und unaggressiv nachfragen, wenn man tatsächlich nichts von dem begreift, was der andere einem zu sagen versucht.

Essai 55: Über Genuss und Dekadenz

17. Februar 2010

Bevor ich etwas zur Dekadenz schreibe, muss ich den Begriff erstmal abgrenzen. Unser diplomatisches Naturtalent von einem Außenminister hat den Begriff der „[römischen] Dekadenz“ nämlich kürzlich im Zusammenhang mit HartzIV-Empfängern erwähnt, davon möchte ich mich schon mal distanzieren. Außerdem muss ich den Begriff auch noch davon abgrenzen, dass die Nazis ihn synonym mit „entartet“ gebraucht haben, der Kontext ist mir bekannt und das, was ich unter „Dekadenz“ verstehe, hat nichts mit der Glorifizierung der Vergangenheit zu tun. Ich meine auch nicht die Kunstrichtung der „Dekadenz“. Allerdings meine ich „Dekadenz“ auch nicht im positiven Sinne, das gibt’s nämlich auch.

Nein, ich meine mit Dekadenz den Verfall (denn nichts anderes bedeutet „Dekadenz“) des natürlichen Maßempfindens des Menschen, das – meiner Meinung nach – Voraussetzung dafür ist, etwas genießen zu können. Das Maßempfinden erfordert Bewusstsein über das eigene Handeln und den eigenen Konsum. Und wenn man dieses Bewusstsein verliert, verliert man auch das Maß und bekommt nicht mehr mit, wenn aus Genuss Dekadenz wird.

Ein Beispiel: Ich geh ganz gerne ins Kino. In den großen Multiplex-Kinos ist mir allerdings ein bemerkenswertes um nicht zu sagen beunruhigendes Phänomen aufgefallen. Wie ferngesteuerte Rindviecher drängen sich die Menschenmassen an den Fressausgaben, um sich mit fettigen Nachos in glutamatisierter Sosse, klebrigem Popcorn und verzuckerten Softdrinks (deren kleinste Größe 0,5 Liter sind) einzudecken. Dann stehen sie auf, wenn der Abspann noch läuft und hinterlassen einen widerlichen Saustall im Kinosaal: Popcorn auf, in, unter den Sitzen, halbleer gefressene Nacho-Plastikschalen mit stinkigen Sossenresten, 1,5 liter-Kanister mit Zuckerwasser und überall Müll. Sicher, man MUSS seinen Dreck nicht mitnehmen, weil es ja Leute gibt, die dafür bezahlt werden anderer Leute Scheiß wegzumachen. Trotzdem zeugt das von einer Respektlosigkeit gegenüber a) den Filmmachern, weil man durch das vorzeitige Aufstehen signalisiert, dass es einem scheißegal ist, wer einem gerade den – hoffentlich – unterhaltsamen Abend ermöglicht hat und b) den jungen Leuten, die den ganzen Mist wieder aufräumen müssen.

Ich denke, in einem solchen Verhalten zeigt sich eine aktuelle Tendenz zu einer Konsumhaltung, die völlig gedankenlos, unreflektiert, maßlos und geschmacklos ist. Da wundert es einen, was überhaupt dieses ominöse Gen sein soll, das den Menschen vom Schwein unterscheidet. Vielleicht ist es das Sympathie-Gen? Schweine sind nämlich wenigstens irgendwie nett.

Meiner Meinung nach kann man dieses maßlose, unreflektierte Konsumieren als Dekadenz bezeichnen. Anstatt ab und zu sich bewusst dafür zu entscheiden, sich mal ein Tütchen Popcorn im Kino zu gönnen, das dafür aber bewusst zu genießen, dann ganz bewusst dem Film zu folgen und interessiert zu gucken, wer denn da alles mitgearbeitet hat und hinterher bewusst darauf zu achten, seinen Müll mitzunehmen und selbst in die Tonne zu werfen, macht man einfach automatisch irgendwas, lässt sich wie ein Idiot von der Konsumgüterindustrie und der Fettmacherindustrie fernsteuern und manipulieren und verliert dabei jeglichen Sinn für das Schöne.

Was ist daran so schlimm, ab und zu innezuhalten, über sein Konsumverhalten nachzudenken und gegebenenfalls zu ändern? Schmecken Popcorn und Konsorten wirklich so gut, wenn man sie seelenlos in sich hineinstopft und das jedes Mal wenn man im Kino ist? Schmeckt es nicht viel besser, wenn man es ab und zu bewusst genießt? Ist es nicht vielleicht sogar so, dass es nur so überhaupt nach irgendetwas schmeckt? Und lässt sich das nicht auf sämtliche Konsumgüter übertragen? Ist beispielsweise Komasaufen wirklich so viel besser als ab und zu ein Glas was weiß ich zu genießen?

Übermaß führt zu Maßlosigkeit, Maßlosigkeit zu Bewusst-losigkeit und Bewusst-losigkeit zu einem Verlust von Genuss und somit von der Freude am Leben.

Ab und zu sollte man doch kurz innehalten, denken und dann erst handeln.


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