Archive for 9. Februar 2010

Essai 53: Über (gutgemeinte) Ratschläge, die man nicht mehr hören kann und die nicht helfen und die man trotzdem ständig ungefragt zu hören bekommt.

9. Februar 2010

Wie heißt es doch so schön: Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“.

Es gibt eine Reihe von Ratschlägen, die gut gemeint sind und mit denen die Ratgebenden nur helfen wollen, die aber weder helfen, noch zu sonst irgendetwas gut sind. Ich würde gerne einige meiner nutzfreie Ratschläge-Highlights an dieser Stelle präsentieren.

1.) „Sei einfach nur du selbst“

Aha. Frage: Was heißt „einfach“ und was heißt „du selbst“. Das ist doch schon einfach mal deswegen nicht einfach, weil in dieser – Ja ich weiß gut gemeinten – Floskel überhaupt nicht klar wird, ob der Ratgebende mit „du selbst“ das Bild meint, das er sich von dem vermeintlich Ratbedürftigen gemacht hat oder das Bild meint, das derjenige selbst von sich hat.

Sprich: Wenn ich zum Beispiel mich selbst als schüchtern betrachte, müsste ich mich diesem Rat folgend schüchtern verhalten. Das meint der Ratgebende damit aber nicht. Nein, er möchte gerne – gut gemeint, Ja ja – den anderen dazu bewegen, selbstsicherer aufzutreten. Und das ist ja durchaus ein edles Motiv. Aber dieser Spruch bringt absolut NICHTS.

Ein anderes Beispiel: Was, wenn jemand innerlich ein verbitterter, verbiesterter Ekelstinkstiefel ist. Da wünscht sich doch keiner ernsthaft, dass er „einfach er selbst“ ist oder? Nein, im Gegenteil, da möchte man doch, dass der so unauthentisch wie nur irgendmöglich auftritt.

Ich persönlich denke, wir haben alle ein Recht darauf – im Falle des Ekelstinkstiefels womöglich sogar die Pflicht – nicht alles von unserer Persönlichkeit preiszugeben. So, nun ist es raus. Muss ich denn jedem unter die Nase reiben, was mir peinlich ist, wofür ich mich schäme und am liebsten verkriechen würde? Woher kommt diese Tendenz zum allgegenwärtigen Selbstoffenbarungszwang in unserer modernen Gesellschaft? Warum kann man nicht einfach mal was für sich behalten, wenn man das gerne möchte?

2.) „Redet doch darüber.“

Noch so ein Fall. Man ärgert sich über eine bestimmte Verhaltensweise oder Angewohnheit eines Mitmenschen. Der wohlmeinende Freund – der zugegebenermaßen in einer unbequemen Situation ist, muss er sich doch das Geschimpfe seines verärgerten Zeitgenossen anhören, obwohl er nichts damit zu tun hat und nichts dafür kann – weiß sich erstens nicht anders zu helfen und möchte zweitens auch irgendwas Sinnvolles zum Gespräch beitragen und greift deswegen zu diesem abgelutschten Tipp, den eigentlich niemand hören will: „Redet doch darüber“ oder „Sag ihm/ihr das doch einfach.“

Ja, dummerweise bedenkt man bei diesem Rat nicht, dass das praktisch nicht umsetzbar ist. Denn, KÖNNTE man mit dem Objekt des Ärgers über den Grund des Ärgers reden, dann WÜRDE man mit ihm darüber reden. Und man tut es deswegen nicht, weil man es eben NICHT kann. Ja, das gibt es. Das Reden nichts hilft. Ernsthaft. Öfter als man denkt.

Ärgert man sich zum Beispiel über das mangelnde Einfühlungsvermögen chronischen Ausmaßes eines Freundes, kann man mit ihm nicht darüber reden. Kann man schon. Aber es wird nichts bringen und man ist hinterher noch frustrierter, weil man in Wahrheit schon vorher wusste – bevor man über seinen Schatten gesprungen und den ärgerlichen Sachverhalt aufs Tapet gebracht hat – dass es nichts bringen würde. Der andere ärgert sich ja nicht über sein mangelndes Einfühlungsvermögen. Wie auch, dafür bräuchte er ja Einfühlungsvermögen um zu realisieren wie das Nichtvorhandensein desselben bei seinen Mitmenschen für Unmut sorgt.

Oder was ist, wenn man sich über das widerliche Arschlochtum eines Bekannten aufregt, der stolz, großkotzig und leidenschaftlich wahrnehmungsgestört die eigenen Schwächen als Stärken vorgaukelt, sich rücksichtslos und egozentrisch aufführt und ständig gemein zu allen ist. Dem kann man auch erzählen was man will. Angenommen, er lässt sich überhaupt dazu herab, einem zuzuhören – was schonmal utopisch ist – dann wird er sowieso alle Einwände abkanzeln und das ist ja alles gar nicht wahr, man solle sich doch an die eigene Nase fassen, vor der eigenen Haustür kehren und nicht mit Steinen werfen, wo man doch im Glashaus sitze. Angriff ist die beste Verteidigung. Es gibt einfach Leute, die fühlen sich permanent angegriffen und da kann man noch so freundlich und sachlich auftreten, die sind beleidigt und schießen – nach ihrem Verständnis – nur zurück.

3.) „Wo hast du es denn zuletzt gesehen?“ bzw. „Was suchst du?“

Wenn man etwas sucht, und sich selbst schon gefragt hat, wo man es denn zuletzt gesehen hat, dann hilft das keineswegs, die gleiche Frage noch mal von übereifrigen Außenstehenden zu hören. Genauso „Was suchst du?“. Sobald man nämlich völlig hektisch und genervt „meine Autoschlüssel“ entgegnet hat (begleitet von dem inneren Mantra „Wo hab ich sie bloß zuletzt gesehen, wo hab ich sie bloß zuletzt gesehen…“) folgt darauf sofort die hilfsbereite Nachfrage „Wo hast du sie denn zuletzt gesehen?“

Soweit erstmal. Fortsetzung folgt.

Essai 52: Über den Ton, der die Musik macht

9. Februar 2010

Von Natur aus bin ich eher aggressionsimmun. Man kann sagen, mein Gewaltpotential ist in etwa so hoch, wie das eines Gänseblümchens. Soviel zur Vorgeschichte.

Aber:

Der Ton macht die Musik. Davon bin ich überzeugt. Und ich bin immer wieder verblüfft, wie wenig selbstverständlich selbst dieser Grundsatz ist.

Besonders auffällig ist das bei Gesellschaftsspielen, insbesondere solchen, die kommunikativer Natur sind und deren Regeln mehr Interpretationsspielraum lassen, als die Bibel, die Thora und der Koran zusammen (jetzt werde ich bestimmt gehauen).

Im Prinzip könnte man sich in dem Fall natürlich vorher einigen, wie man die Regeln auffassen will. Anstatt während des Spiels – natürlich nur während die gegnerische Mannschaft dran ist – „das gildet nicht, das gildet nicht!!! Du darfst nicht mit dem Kopf schütteln bei Pantomime!!!“ zu krakeelen. Man könnte auch warten, bis die Sanduhr durchgelaufen ist, um sein Anliegen sachlich und gesittet vorzutragen, anstatt mitten in die Beschreibung eines schwierigen Begriffs – wo die anderen schon alle möglichen Synonyme genannt haben, nur auf das eine Wort kommt schon wieder keiner – hineinzubrüllen, dass man das ja wohl so was von gar nicht dürfe, was man da gerade gemacht hat.

Bis zu einem gewissen Punkt macht das Herumkrakeelen ja auch Spaß. Und zwar bis zu dem Punkt, wo man selber der Ankrakeelte ist und nicht der Krakeelende. (Ich mag dieses Wort: „krakeelen“. Das beschreibt so gut, was es ist)

Ich für meinen Teil – da mag man mich für eine Mimose halten – bin jedenfalls für weniger Herumkrakeele, weniger Gebrüll, weniger Gepolter, Gekreische, Gekeife, Gezicke und Gepampe und für mehr sachlich-gelassene Verhandlungskultur.

So.

Und wer jetzt erraten hat, welches Spiel ich letzte Woche gespielt habe, kriegt von mir einen metaphorischen Keks.

P.S.: Es ist ja nicht nur eine Frage der Höflichkeit, dass man seine Mitmenschen nicht permanent mit penetrantem Herumkrakeele malträtiert. Man hat ja selbst auch was davon, wenn man das unterlässt.

Wem tut man lieber einem Gefallen, wem hört man eher zu, wem ist man eher gewillt auch mal zuzustimmen: Dem menschlichen Pittbull, der einen gar nicht zu Wort kommen lässt und der in der Stimme einen dauernden, unterschwelligen Vorwurf mitschwingen lässt und der die ganze Zeit herumbrüllt. Oder dem, der ganz normal, gelassen und sachlich seine Sicht der Dinge darlegt? Eben.


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