Essai 52: Über staatlich gefördertes Denunziantentum

Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig selbstverständlich moralische Werte sind. Nehmen wir zum Beispiel das Denunziantentum. Da würde doch eigentlich jeder spontan sagen, das findet er mal so richtig doof. Oder?

Seit jeher sind Petzen und Denunzianten überall unbeliebt. Da sollte man doch meinen, dass man – erst Recht wenn man einen gewissen Einfluss auf die Gesellschaft hat – alles tut, um solche Menschen nicht noch in ihrem Verrätertum zu unterstützen. Erst Recht, wenn in dieser Gesellschaft das Denunziantentum eine besonders heikle Vergangenheit hat, mal euphemistisch ausgedrückt.

Nun ja.

Wie immer will man aber mal wieder etwas haben, ohne die Nachteile dafür in Kauf nehmen zu müssen, geschweige denn an die Nachteile überhaupt erst zu denken. Ist ja auch unbequem.

Jetzt ist die Situation so, dass man gegen die Steuersünder mit besonderer Härte vorgehen will. Gut, das ist ja soweit noch in Ordnung, Steuerhinterziehung ist Pfui und das soll man nicht tun. Ich bin auch dafür, dass alle ihre Steuern bezahlen. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass es auch weitaus Schlimmeres gibt, um das man sich nicht kümmert, wenn man die Steuersünder verfolgt. Das ist auch schon wieder so eine Unart, anstatt mal sich um die wirklich schlimmen Sachen zu kümmern und die Probleme an der Wurzel zu packen, doktort man an den oberflächlichen Auswirkungen weniger schlimmer Ursachen herum.

Nehmen wir – ein wunderbar kontroverses Thema – den Nichtraucherschutz. Man könnte sich ja zum Beispiel mal überlegen, was denn Zigaretten überhaupt so attraktiv macht und da dann ansetzen. Statt dessen schustert man an den Auswirkungen herum. Die EU hat letztens härtere Strafen gegen Raucher gefordert, zum Beispiel, dass prominente Raucher ganz besonders hart bestraft werden sollten, als Abschreckung. Tolle Wurst, was ist denn das für eine Mentalität die sich in einem solchen absurden Vorschlag manifestiert, bitte ? Zum Glück hat sich das bisher nicht durchgesetzt. Das ist doch klar, dass das zu einem Hass auf Raucher führt und dass man anfängt, sie im Namen der Moral zu verfolgen usw. Was aber will man denn? Man will doch eigentlich verhindern, dass die Leute überhaupt erst mit dem Rauchen anfangen. Da muss man den Leuten, die mit Tabakanbau ihr Geld verdienen sinnvolle Alternativen bieten, die Zigarettenwerbung komplett unterlassen und als Erwachsener mit gutem Beispiel vorangehen. Man muss es schaffen, dass Zigaretten einfach kein Thema mehr sind. Wenn man noch drastischere Maßnahmen wählt, erhöht sich doch nur der Reiz. Durch die Tabuisierung einer Sache macht man sie erst Recht zum Thema. Und einmal abgesehen davon, man will doch nicht dem Raucher als Menschen ans Leder, man will doch das Rauchen, bzw. den Rauch von den Nichtrauchern möglichst fernhalten.

Aber zurück zu den Steuersündern. Irgendso ein Typ, ein geheimer „Informant“ hat sich da was ganz Pfiffiges ausklamüsert und erpresst jetzt 2,5 Millionen Euro von der Bundesregierung für eine CD mit Daten von Steuersündern, die insgesamt 100 Millionen (oder waren es Milliarden? Hab da grad den Überblick verloren… Also jedenfalls ein Haufen Kohle) einbrächten, erwischte man sie. Die fraglichen Steuersünder haben ihr Geld in vermeintlicher Sicherheit in der Schweiz gebunkert. Kann ja auch keiner ahnen, dass da einer so mies ist und die Bundesregierung mit den Daten erpresst.

Das der Typ eine miese Ratte ist, ist eine Sache. Aber wie dämlich kann man denn als jemand, der ein ganzes Land regiert, sein? Wer weiß, ob der Kerl nicht einfach lügt. Dann bezahlen die 2,5 Millionen Euro, kriegen eine CD und drauf sind Kochrezepte.

Und selbst, wenn das alles stimmt. Wenn der Typ die Regierung bescheißt, ist das ja halb so schlimm. Ist schade um das schöne Geld, das man wunderbar in die Kultur hätte stecken können, damit nicht noch ein Theater schließen muss. Aber wenigstens hat dann die Regierung vielleicht kapiert, dass man Denunziantentum nicht auch noch belohnen sollte.

Wo kommen wir denn da hin, wenn der Typ Erfolg hat mit seiner miesen Aktion und die CD tatsächlich echt ist? Was passiert dann? Erstmal redet die Schweiz dann kein Wort mehr mit den Deutschen. Und außerdem kommen noch mehr Ratten aus ihren Löchern gekrochen und wittern das große Geld und sagen „Ja, hier, ich hab da ne CD mit 2000 Daten prominenter Raucher, die im Restaurant auf dem Klo geraucht haben.“

Und was ist mit Ländern, die weitaus weniger liberale Gesetze haben als wir? Sollen wir die Leute, die hierher geflüchtet sind alle verpetzen und ausliefern?

Ich dachte eigentlich, das hätten wir hinter uns.

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4 Antworten to “Essai 52: Über staatlich gefördertes Denunziantentum”

  1. Johannes Says:

    So oft ich dem zustimme, was hier im Blog steht (mein ausdrückliches Lob!), heute möchte ich grundsätzlich widersprechen. Ich finde, man sollte Steuerhinterzieher mit allen verfügbaren Mitteln verfolgen, auch mit solchen. Steuerhinterzieher sind Schwerkriminelle und schaden uns allen (auch in Form von weniger Kultur, und zwar in einem Umfang, gegenüber dem 2.5 Mio Euro lächerlich sind).

    Und eine (traurige) Wahrheit ist, dass sich viele Verbrechen ohne „Denunziantentum“ nicht aufklären ließen. Man denke etwa an Kronzeugenregelungen, in der einzelne Straferleichterung oder sogar -erlasse bekommen, weil sie andere „denunzieren“. Ich bin vor allem die Doppelmoral von Poltikern leid, die dies in Ordnung finden, aber im Falle von Steuerhinterziehern die einfache „keine Geschäfte mit Kriminellen“-Rhetorik bemühen. Das ist reine Klientel-Politik.

    Wenn, dann müsste man jegliche Form von Geschäften mit Kriminellen ablehnen.

    Schön wäre es in der Tat, das Problem an der Wurzel zu packen – aber das würde auch bedeuten, dass die Schweizer Banken auf das lukrative Geschäftsfeld der systematischen Unterstützung von Steuerhinterziehung unter dem Deckmantel des Bankgeheimnisses verzichten müssten. Es ist nicht in Sicht, dass z.B. die europäischen Staaten *gemeinsam* dafür ausreichenden Druck auf die Schweiz ausüben (Amerika hat das dagegen geschafft und enthält seit letzem Frühjahr seine gewünschten Kontodaten von der UBS, http://www.20min.ch/finance/news/story/14666449). Von Träumereien der Sorte weltweit einheitlicher Steuerregeln will ich mal gar nicht erst anfangen…

    Übrigens: Selbst für den Fall, dass auf der CD Kochrezepte sind (die Stichproben sprechen dagegen), lohnt es sich für den Staat immernoch, weil sich schon genug Leute selbst angezeigt haben, weil ich ihre Daten auf der CD befinden *könnten*…

    Und zum letzten Satz: Natürlich liefern wir niemanden in irgendein Land aus, der sich nach dortigen weniger liberaleren Gesetzen etwas hat zu Schulden kommen lassen. Hier gelten die *hiesigen* Gesetze.

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  2. isa09 Says:

    Das ist interessant, auf das Argument mit den Kronzeugen, die gegen ehemalige „Kollegen“ aussagen, wäre ich in dem Zusammenhang nicht gekommen. Da ist schon was dran.
    Allerdings finde ich, dass das – wenn auch ein ähnliches Prinzip – doch was anderes ist. Der Kronzeuge nimmt ja durchaus Lebensgefahr auf sich, um Gangsterringe auffliegen zu lassen, die Menschen umbringen, mit Drogen und Waffen schmuggeln etc.
    Das finde ich um Einiges schlimmer, als Steuerhinterziehung. Auch wenn man Al Capone durch Steuerhinterziehung dran gekriegt hat, weil es das Einzige war, das man ihm nachweisen konnte.

    Es stimmt natürlich, dass man irgendwo die Grenze ziehen muss und das ist gar nicht so einfach. Sehr schnell macht man sich da der Doppelmoral schuldig.
    Aber wo auch immer man die Grenze zieht, ich finde diese Angelegenheit überschreitet sie. Selbst mit den Stichproben kann man sich doch nicht hundertprozentig sicher sein, was auf der CD drauf ist. Der Typ wird doch sicher damit gerechnet haben, dass die Regierung Beweise will und hat dementsprechend ein paar echte Daten parat gehalten.

    Vielleicht wäre es ja ein Anfang, die deutschen Steuergesetze noch einmal gründlich zu reformieren, damit gar nicht erst so viele Leute auf die Idee kommen die Steuern zu hinterziehen.

    Und wenn man der Schweiz nicht diplomatisch auf die Füße träte, wären sie ja eventuell kompromissbereit. Möglicherweise – wenn man das Ganze friedlich, vernünftig und sachlich regelt – würde man da zu einer längerfristigen Lösung kommen.

    Denn dies hier – moralische Fragwürdigkeit hin oder her – ist in jedem Fall nur eine kurzfristige Lösung. Dann hat man die alle auf der CD erwischt – wenn sie denn echt ist – und dann? Dann ist erstmal wieder mehr Geld in den Kassen, das man schön für nutzfreie Prestige-Objekte verpulvern wird und ganz bestimmt nicht für die Bildung und die Kultur.

    Der letzte Satz war natürlich mit Absicht etwas polemisch formuliert. Aber wenn wir hier die hiesigen Gesetze gelten lassen, sollten doch auch die Schweizer in der Schweiz ihre Gesetze gelten lassen.

    Wie auch immer, es muss auch anders gehen, davon bin ich überzeugt.

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  3. isa09 Says:

    Ich sollte vielleicht noch hinzufügen – bevor ich missverstanden werde – dass es im Essai nur um das Prinzip geht, andere zum Denunzieren zu animieren. Es geht nicht darum, Steuersünder zu verteidigen oder als Opfer von Verfolgung darzustellen. Dass sie gegen das Gesetz verstoßen ist klar. Auch dass sie der Wirtschaft mit ihrem Verhalten schaden.
    Ich wollte die Methode anprangern, Leute dafür zu belohnen, dass sie ihre Mitmenschen ausliefern. Das finde ich nicht in Ordnung.

    Sicher, das Argument mit dem Kronzeugen, da wird im Grunde auch jemand durch Strafmilderung oder vielleicht sogar Straferlass dafür belohnt, dass er seine ehemaligen Kameraden / Kollegen etc. ausliefert.

    Nichtsdestotrotz, die Angelegenheit mit den Steuersündern finde ich nach wie vor äußerst heikel. Meiner Meinung nach wäre das von längerfristigerem Nutzen, mit den Schweizern zu verhandeln, anstatt ihnen auf den Schlips zu treten. Zudem sollte man die Steuergesetze in Deutschland vereinfachen. Natürlich sind Steuern wichtig, aber irgendetwas stimmt mit den derzeitigen Gesetzen nicht, sonst würde sich jeder dran halten, von ein paar unverbesserlichen Charakterschweinen abgesehen.

    Ich bleib dabei, das muss auch anders gehen.

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  4. merulon Says:

    Hey Isa! =)
    Wow, du schreibst echt super, ich liebe die Ironie… CD mit Prois, die auf dem Klo geraucht haben – herrlich! Hahaha…

    Ansonsten schließe ich mich an, ich kenne das ganze in kleinerer Form aus der Schulklasse. Auch hier gibt es Lehrer, die Schüler dazu animieren, andere zu verraten. Wobei ein „Verrat“ immer Abwägungssache ist, denke ich. Kommt immer darauf an, wer verraten wird und weshalb.

    Zum Punkt Steuerhinterzieher: So viele Steuern wie in Deutschland muss man meines Wissens fast nirgendwo sonst bezahlen. Und von diesen Steuern werden dann (neben all den guten und notwendigen Sachen) irgendwelche Politikerveranstaltungen organisiert, Wahlplakate gedruckt für Parteien, die keiner wählen möchte oder Billig-Impfstoff hergeschafft … Ehrlich gesagt kann ich es da verstehen, dass man sich weigert, für den Mist zu bezahlen. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass in anderen Ländern die Steuer wesentlich geringer ist. Dennoch: Wir leben gemeinsam in diesem Land und man hat auch immer die Möglichkeit, politisch aktiv zu werden, wenn man nicht einverstanden ist. Steuern sind demnach für jeden Pflicht … Das sollte jeder einsehen können. Das Schlimme ist ja, dass die Steuerzahler alle mittragen, die keine Steuern zahlen. Da kommt schnell Wut auf.

    So, bevor ich mich hier verliere, gehe ich wieder Bio pauken! =)
    LG,
    Marieke

    Ach, du musst mir irgendwann mal zeigen, wie ich meinen Block mit FB verlinke!

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