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Essai 52: Über staatlich gefördertes Denunziantentum

3. Februar 2010

Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig selbstverständlich moralische Werte sind. Nehmen wir zum Beispiel das Denunziantentum. Da würde doch eigentlich jeder spontan sagen, das findet er mal so richtig doof. Oder?

Seit jeher sind Petzen und Denunzianten überall unbeliebt. Da sollte man doch meinen, dass man – erst Recht wenn man einen gewissen Einfluss auf die Gesellschaft hat – alles tut, um solche Menschen nicht noch in ihrem Verrätertum zu unterstützen. Erst Recht, wenn in dieser Gesellschaft das Denunziantentum eine besonders heikle Vergangenheit hat, mal euphemistisch ausgedrückt.

Nun ja.

Wie immer will man aber mal wieder etwas haben, ohne die Nachteile dafür in Kauf nehmen zu müssen, geschweige denn an die Nachteile überhaupt erst zu denken. Ist ja auch unbequem.

Jetzt ist die Situation so, dass man gegen die Steuersünder mit besonderer Härte vorgehen will. Gut, das ist ja soweit noch in Ordnung, Steuerhinterziehung ist Pfui und das soll man nicht tun. Ich bin auch dafür, dass alle ihre Steuern bezahlen. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass es auch weitaus Schlimmeres gibt, um das man sich nicht kümmert, wenn man die Steuersünder verfolgt. Das ist auch schon wieder so eine Unart, anstatt mal sich um die wirklich schlimmen Sachen zu kümmern und die Probleme an der Wurzel zu packen, doktort man an den oberflächlichen Auswirkungen weniger schlimmer Ursachen herum.

Nehmen wir – ein wunderbar kontroverses Thema – den Nichtraucherschutz. Man könnte sich ja zum Beispiel mal überlegen, was denn Zigaretten überhaupt so attraktiv macht und da dann ansetzen. Statt dessen schustert man an den Auswirkungen herum. Die EU hat letztens härtere Strafen gegen Raucher gefordert, zum Beispiel, dass prominente Raucher ganz besonders hart bestraft werden sollten, als Abschreckung. Tolle Wurst, was ist denn das für eine Mentalität die sich in einem solchen absurden Vorschlag manifestiert, bitte ? Zum Glück hat sich das bisher nicht durchgesetzt. Das ist doch klar, dass das zu einem Hass auf Raucher führt und dass man anfängt, sie im Namen der Moral zu verfolgen usw. Was aber will man denn? Man will doch eigentlich verhindern, dass die Leute überhaupt erst mit dem Rauchen anfangen. Da muss man den Leuten, die mit Tabakanbau ihr Geld verdienen sinnvolle Alternativen bieten, die Zigarettenwerbung komplett unterlassen und als Erwachsener mit gutem Beispiel vorangehen. Man muss es schaffen, dass Zigaretten einfach kein Thema mehr sind. Wenn man noch drastischere Maßnahmen wählt, erhöht sich doch nur der Reiz. Durch die Tabuisierung einer Sache macht man sie erst Recht zum Thema. Und einmal abgesehen davon, man will doch nicht dem Raucher als Menschen ans Leder, man will doch das Rauchen, bzw. den Rauch von den Nichtrauchern möglichst fernhalten.

Aber zurück zu den Steuersündern. Irgendso ein Typ, ein geheimer „Informant“ hat sich da was ganz Pfiffiges ausklamüsert und erpresst jetzt 2,5 Millionen Euro von der Bundesregierung für eine CD mit Daten von Steuersündern, die insgesamt 100 Millionen (oder waren es Milliarden? Hab da grad den Überblick verloren… Also jedenfalls ein Haufen Kohle) einbrächten, erwischte man sie. Die fraglichen Steuersünder haben ihr Geld in vermeintlicher Sicherheit in der Schweiz gebunkert. Kann ja auch keiner ahnen, dass da einer so mies ist und die Bundesregierung mit den Daten erpresst.

Das der Typ eine miese Ratte ist, ist eine Sache. Aber wie dämlich kann man denn als jemand, der ein ganzes Land regiert, sein? Wer weiß, ob der Kerl nicht einfach lügt. Dann bezahlen die 2,5 Millionen Euro, kriegen eine CD und drauf sind Kochrezepte.

Und selbst, wenn das alles stimmt. Wenn der Typ die Regierung bescheißt, ist das ja halb so schlimm. Ist schade um das schöne Geld, das man wunderbar in die Kultur hätte stecken können, damit nicht noch ein Theater schließen muss. Aber wenigstens hat dann die Regierung vielleicht kapiert, dass man Denunziantentum nicht auch noch belohnen sollte.

Wo kommen wir denn da hin, wenn der Typ Erfolg hat mit seiner miesen Aktion und die CD tatsächlich echt ist? Was passiert dann? Erstmal redet die Schweiz dann kein Wort mehr mit den Deutschen. Und außerdem kommen noch mehr Ratten aus ihren Löchern gekrochen und wittern das große Geld und sagen „Ja, hier, ich hab da ne CD mit 2000 Daten prominenter Raucher, die im Restaurant auf dem Klo geraucht haben.“

Und was ist mit Ländern, die weitaus weniger liberale Gesetze haben als wir? Sollen wir die Leute, die hierher geflüchtet sind alle verpetzen und ausliefern?

Ich dachte eigentlich, das hätten wir hinter uns.


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