Essai 51: Über Freiheit und unser Schulsystem

Neulich las ich in der Zeitung von dieser Familie, die ihre Kinder partout zu Hause unterrichten wollte und deswegen – weil das deutsche Schulsystem das nicht erlaubt – geflüchtet ist. Erst nach Österreich, jetzt in die USA. „Politisches Asyl“ haben sie beantragt – und bekommen.

Deren Anwalt nutzte dann auch gleich die Gelegenheit, das deutsche System als wider die Menschenrechte, faschistoid und gemein zu bezeichnen und überhaupt, das kennt man ja schon von den Deutschen, da war doch mal was…

Das Hauptargument dieses bewundernswert klugen Mannes war, das deutsche Schulsystem sei sowohl ein Ein- als auch ein Angriff auf die „persönliche Freiheit“ des Menschen.

Ja.

Da hat mal wieder einer nur bis zu seiner Nasenspitze gedacht. Wahrscheinlich ist der gute Mann auch nie aus seinem Land wirklich rausgekommen und dass er da mit pathetischen Worthülsen zuindoktriniert ist, kann man ihm sicher nicht zum Vorwurf machen.

Von den Hauptbetroffenen in dieser ganzen Seifenoper – nämlich den Kindern – hört man interessanterweise gar nichts. Wer weiß, vielleicht fanden sie den Sexualunterricht an der Schule gar nicht sooo schlimm. Und vielleicht hätten sie Freunde an der Schule gehabt, hätten die Eltern diese nicht als Werk Satans verdammt und ihre Kinder somit der berechtigten Lächerlichkeit preisgegeben. Und vielleicht hätten die Kinder selbständiges, kritisches Denken lernen können, hätten sie die gleichen Möglichkeiten geboten bekommen, wie alle Kinder hierzulande in ihrem Alter.

Die „persönliche Freiheit“ die hier angeblich vom bösen Staat verfolgt wurde – Ja, auf die eine regelrechte Hexenjagd verübt wurde – ist nicht die persönliche Freiheit der eigentlichen Betroffenen. Es ist die Uneinsichtigkeit und Verblendung der Eltern. Das ist sicher nicht das, was der Urheber der Religion, der sie sich zugehörig wähnen, im Sinn hatte, als er seine Weisheiten unter die Leute brachte.

Komisch, dass immer dann von „persönlicher Freiheit“ die Rede ist, wenn es darum geht irgendein stures, egoistisches, uneinsichtiges, borniertes Ziel, das man sich in den Kopf gesetzt hat, durchzusetzen.

Hundebesitzer haben keine Lust, die Kacke ihrer Lieblinge aufzusammeln, selbst wenn sie mitten im Weg jeden anderen Fußgänger erwartungsfreudig dazu auffordert hineinzutreten? Man will gar, dass sie eine Plastiktüte mitnehmen? Rabääh, meine persönliche Freiheit, nje nje nje…! Gleiches gilt, wenn man möchte, dass die Hunde angeleint bleiben, damit sie keine Wildtiere jagen: Mömömö … persönliche Freiheit… bla. (Natürlich, ich weiß, nicht alle sind so, keine Verallgemeinerungen, usw. Hier ist aber die Rede von denen, die sich rücksichtslos aufführen)

Oder der Nichtraucherschutz. Endlich hat man mal eine einigermaßen praktikable Lösung gefunden, die da wäre entweder Essen oder Rauchen, aber der Weg dorthin, was für ein Krampf und was haben die sich alle angestellt. Und immer wieder: Boah, Menno, wie gemein, meine persönliche Freiheit wird angegriffen, fününününü. Und überhaupt, alle Nichtraucher sind Faschos, So, da habt ihrs.

Ich finde, indem man Leute, die sich auch mal um wen anders Gedanken machen, als immer nur um sich selbst, als Faschos bezeichnet, tritt man die Gräber all jener, die von den echten Faschisten ermordet wurden, mit Füßen und Schlimmeres. Das spricht für eine Ignoranz ohnegleichen, für grenzenlose Borniertheit (das ist ein bewusstes Paradoxon) und für puren Egoismus. Dass ich dafür nicht viel übrig habe, habe ich das eine oder andere mal bereits dezent und subtil angedeutet.

Dabei ist Freiheit etwas Großartiges. Nur – das hatte bereits Goethe/Werther erkannt – die Freiheit macht den Leuten Angst. Weil die Freiheit zwingend auch Unbekanntes voraussetzt und das haben die meisten Leute nicht so gern. Hm, Nee, so viel Verantwortung, nachher mach ich noch was kaputt, lass man gut sein. Ist ja auch ihr gutes Recht, denn man kann sich – wenn man frei ist – auch für das Altbekannte und Bewährte entscheiden. Die Betonung liegt hier auf dem ENTSCHEIDEN können, das ist nämlich der springende Punkt.

Was die Äpfel, Birnen und Gurken die ich da oben verglichen habe nämlich gemeinsam haben, ist folgendes: In allen drei Beispielen wurde den eigentlich Betroffenen (die Kinder, die in-Scheiße-tretenden Fußgänger / die gejagten Wildtiere, die nicht-passiv-rauchen-wollenden Mit-Lokalbesucher) die Möglichkeit genommen, sich zu entscheiden.

Die Kinder haben dadurch, dass man sie aus dem sozialen Umfeld gleichaltriger Kinder nahm, ihnen den Lernstoff, den alle ihre Altersgenossen beigebracht bekommen, vorenthielt, die Möglichkeit verloren zu wählen, was sie denken möchten. Was sie glauben möchten. Auf welcher Grundlage sie sich entscheiden wollen zu handeln. Das ist nur die egoistische Selbstgerechtigkeit der Eltern, die diese Kinder von der Außenwelt abschottet, sie daran hindert, ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und ihre eigenen Fehler zu machen.

Was spricht denn dagegen, dass man seine Kinder zusätzlich zum Schulunterricht zu Hause unterrichtet? Dann können sie sich nämlich entscheiden. Und dann sind sie auch frei. Aber vermutlich ist es genau das, was die Eltern vermeiden wollten. Komisch. Wo sie sich ihrer Sache so sicher sind, dass sie in einem anderen Land „politisches Asyl“ beantragen. Da sollte man doch meinen, wenn es für Leute nur eine einzige Wahrheit gibt, dass gar nicht erst die Gefahr besteht, etwas anderes für die Wahrheit zu halten. Wenn gar nichts anderes als DIE Wahrheit infrage kommt, ist es doch wurscht, was die Kinder in der Schule beigebracht bekommen. DIE Wahrheit bleibt die Wahrheit.

Wenn überhaupt irgendetwas gegen die „persönliche Freiheit“ und somit gegen die Menschenrechte verstößt, dann, dass man den Leuten rücksichtslos und selbstgerecht die Möglichkeit nimmt, zu wählen.

Na ja, aber vielleicht sehe ich das ja auch alles ganz falsch. Vielleicht sind die Kinder total gut drauf ohne ihre persönliche Freiheit. Vielleicht wollten sie die eh nicht. Ist ja auch viel einfacher ohne, man hat für alles eine Antwort und man muss die sich nichtmal selber ausdenken, weil das ja alles schon vorgekaut ist von fanatischen Spinnern, die sich alles so zurechtinterpretieren, wie es ihnen in den Kram passt. Vielleicht sind sie glücklich. Und wer will schon frei sein, wenn er sich glücklich wähnt?

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Eine Antwort to “Essai 51: Über Freiheit und unser Schulsystem”

  1. Essai 88: Über scheiternde Freiwilligkeit und den Zwang zum Glück « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] auf die Reaktionen gespannt. Vermutlich werden erst mal alle herumnölen, was das denn solle, ihre persönliche Freiheit werde aufs Übelste angegriffen, wenn man sie zwinge *schauder* Frauen auf wichtige Posten zu […]

    Gefällt mir

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