Essai 50: Über Hindernispfleger und Sorgenzüchter

Über einen besonderen Menschenschlag habe ich ja bereits etwas geschrieben: Die Bedenkenträger und Problemmacher. Dabei habe ich übersehen, dass es ja noch ein ähnliches Grüppchen bemerkenswerter Zeitgenossen gibt, die einem nicht minder das Leben schwer machen: Die Hindernispfleger und Sorgenzüchter.

Was ist der Unterschied zwischen diesen Spielverderbern? Hauptsächlich der, dass unsere Freunde die Bedenkenträger ihre selbstgebastelten Probleme nicht unbedingt mögen – während die lustigen Sorgenzüchter und Hindernispfleger ihre Zipperlein lieben, hegen und pflegen.

Klingt komisch, ist aber so. Was vielleicht als kleines Hindernislein anfängt wird zur großen, kräftigen Katastrophe gepflegt. Und was man im Schweiße seines Angesichts so liebevoll mit selbstgekochter Wehwehchen-Suppe großgezogen hat, gewinnt man irgendwo auch lieb. Vor allen Dingen dann, wenn man sonst nichts zu haben glaubt, das einen am Leben hängen lässt.

Die Sorgenzüchter haben dieses Können gar zu einer Kunst erhoben. Mit geradezu bewundernswertem Einsatz werden auch dort Sörgchen entdeckt, wo gar keine sind. Also ursprünglich jetzt. Und diese kleinen Schößlinge werden dann schön mit Panikdünger angereichert und mit dem Wasser der eingebildeten Apokalypse gegossen, bis auch sie groß und stark gewachsen sind und man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Macht auch nichts, weil man dann sogar noch ein Problem mehr hat. Supi. Dann schaut man sich um und denkt: „Oha. So viele Bäume. Wo is’n der Wald? Oh mein Gott, die Welt geht unter.“ Ja, das Leben ist schön.

Das wäre ja auch alles ganz prima, wenn die Hindernispfleger und Sorgenzüchter sich obendrein nicht auch noch bemüßigt sähen, alle ihre Mitmenschen an ihrem ansehnlichen Sammelsurium unterschiedlichster Katastrophen teilhaben zu lassen. Und dann auch noch beleidigt sind, wenn man ihnen versucht klar zu machen, dass das doch alles halb so wild ist.

Als vernünftiger Mensch steht man solchen Erscheinungen recht hilflos gegenüber. Man versucht dann mit gesundem Menschenverstand und logischen Schlussfolgerungen seinen spinnerten Gegenübern nahe zu bringen, dass sie sich – nun ja – nicht so anstellen sollen und alles was man dafür bekommt ist Undank und beleidigtes Lebergewurste.

Was kann man also tun?

Auf gar keinen Fall sollte man in die Helferfalle tappen. Denn dann wird man den Sorgenzüchter nicht mehr los. Der fühlt sich nämlich in seinem albernen Gejammere bestätigt und hält seine selbstgebackenen Katastrophen für tatsächlich existent, denn wenn dem nicht so wäre, würde ihm ja auch keiner Hilfe anbieten. Und eh man sich’s versieht ist man zu dem passenden Gegenstück des Hindernispflegers geworden, dem seelischen Mülleimer. Was man anfangs im Sinne der Nächstenliebe tut, verselbständigt sich und man kommt aus dieser Tretmühle nicht mehr raus, ohne dass es Verletzte gibt. Es geht dem Sorgenzüchter und Hindernispfleger nämlich keinesfalls darum, seine Hindernisse zu überwinden und seine Sorgen zu lösen, sondern es geht ihm lediglich um das Gedankenabsondern. Und da das alleine erstens langweilig und zweitens auch irgendwie bekloppt ist, brauchen sie zur verbalen Gedankenabsonderung ein entsprechendes Gefäß – den seelischen Mülleimer.

Hindernispfleger und Sorgenzüchter sind fürchterliche Egoisten, das darf man nicht vergessen. Und da sie sich alleine über ihre unüberwindbaren Hindernisse und unlösbaren Sorgen definieren, wehren sie sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen, dass man sie ihnen einfach so wieder wegnimmt.

Also, was kann man tun? Die Beine in die Hand nehmen und rennen, rennen, rennen.

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Eine Antwort to “Essai 50: Über Hindernispfleger und Sorgenzüchter”

  1. Essai 91: Über selbsterfüllende Prophezeiungen « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] der inneren Überzeugung durch die Gegend trotte, keiner habe mich lieb, immer hätte ich Pech und sowieso sei alles scheiße und die Welt schlecht und alle gemein zu mir, dann kann mich kein noch so freundlicher Mitmensch […]

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