Essai 45: Über Liebeskonzeptionen und den rätselhaften Erfolg der Twilight-Buchreihe

Ich hab nun schon einen Essai über Liebe geschrieben und einen über Romantik. Nun habe ich mir inzwischen die „Twilight“-Romane von Stephenie Meyer zu Gemüte geführt und bin auf ein großes Rätsel gestoßen: Was macht bloß den Erfolg dieser Bücher aus? Noch dazu, warum haben diese Bücher gerade bei Frauen so einen Erfolg? Der Vollständigkeit halber muss ich gestehen, dass auch ich mich nicht dem „Twilight“-Fieber entziehen konnte. Dabei ist der Schreibstil echt furchtbar, trieft vor Kitsch, wiederholt sich ständig und kommt oftmals nicht zum Punkt. Außerdem sind die beiden Hauptcharaktere echt unsympathisch und als Liebespaar verkörpern sie alles, was ich im richtigen Leben absolut verabscheue, nämlich Abhängigkeit und Klettentum, kombiniert mit der Weigerung, sich für irgendetwas außerhalb der Liebesbeziehung zu interessieren. Bäh!

Eine Erklärung ist möglicherweise, dass die Nebenfiguren – allen voran Bellas bester Freund Jacob, mit dem sie meiner Meinung nach eigentlich hätte zusammenkommen sollen – sehr sympathisch sind. Im Grunde war mir die eigentliche Geschichte fast wurscht, ich wollte wissen, wie es mit den Nebenfiguren weitergeht.

Aber nichtsdestotrotz spiegelt der Erfolg dieser Kitschroman-Reihe eine Sehnsucht unter jungen Frauen wider, die mich gelinde gesagt beunruhigt. Was sagt das über uns Frauen aus, wenn wir ob solch toxischer Beziehungen in Verzückung geraten und es für romantische Liebe halten, dass die beiden sich gegenseitig wie eine Droge sind? Klar, diese Liebeskonzeption gibt es schon spätestens seit Romeo und Julia. Aber ehrlich gesagt, haben sich Romeo und Julia wie zwei Idioten aufgeführt, ich seh da nichts Romantisches dran. Tragisch, vielleicht, aber romantisch? Nä.

Man kann sich doch zum Beispiel fragen, wenn Julia Romeo so geliebt hat, warum folgt sie ihm nicht dahin, wohin er verbannt wurde? Warum bleibt sie zu Hause, klamüsert irgendeinen Murks mit einem dubiosen Schlaftrunk aus und jammert vor sich hin? Das ist doch klar, dass das böse endet. Und Tybalt und Romeo sind zwei hitzköpfige Volltrottel. Wenn die nur mal zwei Sekunden nachgedacht hätten, bevor sie zustechen, wäre der ganze Mist auch nicht passiert. Gut, ich sehe ein, dass niemand sich ein Stück ansieht, indem zwei verfeindete Parteien sich friedlich an einen Tisch setzen und die Angelegenheit – deren Grund wahrscheinlich auch eh keiner mehr kennt – sachlich zu klären. Aber trotzdem ist das die gleiche romantische Liebeskonzeption wie in Twilight. Man fragt sich, warum man davon träumt und sich wünscht, auch so zu lieben? Das ist doch unpraktisch. Warum halten wir die Menschen, die sagen, Romeo und Julia sind zwei verliebte Teenager, die ihr Gehirn ausgeschaltet haben, für Gefühlskrüppel und warum seufzen wir sehnsuchtsvoll auf, wenn Bella an ihrem Liebeskummer wegen dieses Schnösels Edward beinahe zugrunde geht?

Warum schreien wir nicht entsetzt auf, wenn Bella ihre ganze Zukunft – Bildung/Uni, einen eigenständigen Beruf, sogar ihrer Familie – aufs Spiel setzt, nur um mit diesem überfürsorglichen Quälgeist von einem sich ständig einmischenden, verkappten Macho von einem Vampir, zusammen ewig jung zu sein. Ewig jung. Noch so ein romantistischer Mythos. Was soll man denn die ganze Zeit machen? Das wäre todlangweilig, wäre man nicht unsterblich.

Es gibt einen Film, der zwei unterschiedliche Liebeskonzeptionen gegeneinanderstellt, das ist „Jules und Jim“ von François Truffaut. Vordergründig geht es um eine Dreiecksbeziehung zwischen besagten Jules und Jim und Catherine, in die sich die beiden Männer verlieben. Catherine ist ein egozentrischer, selbstzerstörerischer, leidenschaftlicher Charakter. Jules ist eher der ruhige Typ und Jim ist auch eher leidenschaftlich veranlagt. Catherine heiratet Jules. Das ist die eine Liebeskonzeption: Jules liebt Catherine so sehr, dass ihr Glück ihm wichtiger ist, als sein eigenes. Catherine hatte wohl gehofft, durch die Heirat mit Jules ein wenig Stabilität in ihr Leben zu bekommen, was nicht funktioniert hat, weil ihr schnell langweilig und sie unglücklich wurde. Sie verliebt sich leidenschaftlich in Jim und er sich auch in sie. Jules lässt seinen Freund Jim bei sich einziehen, er lebt unter einem Dach mit seiner Frau und ihrem Geliebten. Aber er ist nicht eifersüchtig und es ist für ihn in Ordnung. Denn er liebt Catherine und auch Jim (platonisch) und hat einfach ihr Glück im Sinn, anstatt auf seinem Recht zu pochen. DAS finde ich wiederum romantisch, er gibt sich nicht für sie auf, aber er erkennt – weil er sie liebt – dass sie mit ihm nicht glücklich ist und deswegen lässt er sie los. Edward und Bella, Romeo und Julia, das ist die Art von Liebe, die Catherine und Jim füreinander empfinden. Pure, konzentrierte Leidenschaft, die schließlich in der Zerstörung beider endet. Da hat dann keiner mehr was von. Das ist doch nicht romantisch, das ist doof!

Der Erfolg von Twilight erinnert fast schon an die Euphorie, die Goethes Werther nach sich gezogen hat. Wollen wir nur hoffen, dass nicht als Äquivalent zu den Werther-Selbstmorden jetzt lauter junge Teenie-Mädchen mit 19 den erstbesten Lackaffen heiraten, der ihnen schöne Augen macht, anstatt sich eine eigene Zukunft aufzubauen. Das bleibt abzuwarten.

Ich für meinen Teil bin jedenfalls entsetzt über die neokonservatistische Wertekonzeption, die die Twilight-Buchreihe unterschwellig propagiert. Ich kann nur jedem raten, die Bücher zu lesen, aber mit ironisch-kritischer, brechtscher Distanzierung, um sich selbst ein Bild zu machen und die als selbstverständlich erachteten Konzepte vielleicht auch mal in Frage zu stellen.

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