Essai 37: Über Wichtigkeit

Keine Frage, Wichtigkeit ist eines der wichtigsten Themen, die man sich vorstellen kann.

Wenn man wichtig ist, kann man sich alles erlauben, keiner wird es wagen, etwas dagegen zu sagen. Wenn man unwichtig ist, kann man sich eigentlich auch alles erlauben, bemerken wird es eh niemand.

Ein Beispiel: Wenn ich bloggendes, unbedeutendes Nichts von einem Niemand mir innerhalb von zwei Sekunden den folgenden Spruch aus den Fingern sauge: „Nach Regen folgt Sonne, welch Segen welch Wonne.“ dann denken die zwei – drei Leute, die ich meine Leserschaft nennen kann, boah, was für ein Quatsch. Stimmt, es ist Quatsch, es bringt niemanden weiter, der Reim ist schlecht und die Botschaft trivial. Angenommen, ich behaupte ganz dreist, dieser Spruch sei ein Aphorismus von Goethe. Plötzlich werden alle sagen, Mensch, doll, was für ein weiser Spruch, dieser Goethe, der trifft den Nagel aber auch immer auf den Kopf, das werde ich sofort auswendig lernen und zu jeder Gelegenheit zitieren, damit man mich gebildet findet. Dass das immernoch derselbe Quatsch ist, wird niemanden kümmern, denn wenn eine Berühmtheit, ein hohes Tier in der deutschen Literatur, das gesagt hat, dann kann es ja nur klug und weise sein.

Das Ganze erinnert an die Geschichte des Kaisers mit seinen neuen Kleidern. Darin geht es um einen eitlen Fatzken von Kaiser – einer enorm wichtigen Persönlichkeit also – der sich von zwei Gaunern, die um seine Vorliebe für ausgefallene Mode wissen, übers Ohr gehauen wird, indem sie behaupten, der Stoff, aus dem die Klamotten sind, könne nur von außerordentlich klugen Menschen gesehen werden. Da niemand als dumm gelten will, tun alle so, als sähen sie den Stoff und loben ihn in den höchsten Tönen. Schließlich geht der Kaiser in seinen neuen Kleidern auf die Straße, alle jubeln ihm zu und loben seinen exquisiten Modegeschmack, nur ein kleines Mädchen ruft: „Aber der hat ja gar nichts an!“

Ich finde diese Geschichte spiegelt perfekt die Dummheit der Menschen wider. Letztes Jahr zum Beispiel habe ich mir in Avignon auf dem Theaterfestival eine Performance von einem Rodrigo Garcia angeschaut, der als total wichtig angesehen wurde und als großes Performance-Nachwuchstalent gilt. Diese Performance bestand darin, dass drei mehr oder weniger nackte Menschen mit Erde, Milch und einem Kärcher rumsauten, mit bloßen Händen einen Salat auf der Bühne machten und sich am Ende völlig nackig mit Honig besudelten und übereinander wälzten. Währenddessen wurde auf eine Leinwand das projeziert, was eine Schildkröte mit Kamera auf dem Rücken gefilmt hatte und irgendsoein pseudo-kommerzkritischer Text darübergelegt, in dem ein Zusammenhang zwischen den kleinen Shampooflaschen im Hotel und den verheerenden Folgen des Kapitalismus hergestellt werden sollte. Und das soll dann also Kunst sein. Ich habe reagiert wie das kleine Mädchen in der Geschichte und gesagt: „Huch, aber die haben ja gar nichts an!“ beziehungsweise: „Das ist ja totaler Blödsinn!“ Das hat aber niemanden interessiert, die Kunstkenner waren einfach in der Überzahl.

Die Wichtigen und ihre arschkriechenden Kompanions haben immer recht, auch wenn sie unrecht haben. Es ist absolut unwichtig, was man tut, sagt oder denkt, Nein, was zählt ist, WER das tut, sagt oder denkt. Und wenn das „was“ der größte Mist ist, wenn ein berühmter und wichtiger Mensch das sagt, ist es automatisch die größte Weisheit schlechthin.

Das sieht man ja auch an schauspielenden Schauspielerknirpsen. Da gibt es zwei Söhne eines berühmten deutschen Schauspielers, die haben exotische Vornamen, sind häßlich wie die Grottenolme und haben absolut kein Talent, sind aber die neuen Teenie-Idole und verdienen einen Haufen Kohle. Einer von denen singt jetzt obendrein auch noch. Hurra.

Ganz besonders schlimm wird es, wenn einst wichtige Menschen plötzlich nicht mehr wichtig sind. Dann lassen sie sich mal eben vor laufender Kamera rundum „Schönheits“-operieren oder machen mal eben einen fröhlichen Drogen- und Alkoholentzug, natürlich von Kameras begleitet, damit die voyeuristische Mehrheit unter den fernsehenden Idioten auch was zu gucken hat. Die Quote freut sich.

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4 Antworten to “Essai 37: Über Wichtigkeit”

  1. Isabelle Dupuis Says:

    Der Essai ist zwar schon fast vier Jahre alt, aber ich finde, das Thema „Wichtigkeit“ ist immernoch hochaktuell. Das sieht man ja an der Debatte um dieses ungemein schlechte Grass-Gedicht. Wäre es nicht Günter Grass, der diesen sich nicht mal reimenden Unfug verzapft hätte, sondern irgendein normalsterblicher alter Wirrkopf, würde kein Hahn danach krähen. Wollen wir wetten?

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  2. Essai 87: Über Migrationshintergründe « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] dient und daher für die selbstbeweihräuchernde Prominenz bei der Bambi-Verleihung ungemein wichtig ist. Mich kennt ja kein Aas, also kann ich zwar schreiben, was ich will, aber ein goldenes Rehlein […]

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  3. Essai 157: Über rhetorische Tricks für Wichtigtuer | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] Hinderungsgrund sein, denn man kann auch Nichtssagendes eindrucksvoll aufplüschen, sodass es total wichtig klingt und keiner merkt, dass es nur heiße Luft ist. Oder zumindest: fast keiner – aber […]

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  4. Essai 163: Über Dinge, die ich tue, wenn keiner guckt | Isa09 - Angry young woman Says:

    […] wie in dem Märchen von des Kaisers neue Kleider. Aber dafür müsste ich wahrscheinlich irgendwie wichtig sein. Und dann hätte ich weniger Zeit für mich alleine, was auch blöd wäre. Tja, man kann halt […]

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