Essai 33: Über Imponiergehabe

Ursprünglich wollte ich ja über männliches Imponiergehabe schreiben. Aber da ich keine Lust habe, mir Vorwürfe von wegen mangelnder politischer Korrektheit und Sexismus und männerdiskriminierenden Anwandlungen anzuhören, habe ich das jetzt doch gender-unspezifisch formuliert. Außerdem machen wir Frauen ja auch allerhand Schwachsinn, nur um andere zu beeindrucken.

Was mir zu dem Thema jedenfalls als erstes einfällt, das sind die Haarschnitte, die bei jungen Halbstarken derzeit „in“ sind. Ein unidentifizierbares Gewuschel, das aussieht als wäre etwas auf der Straße überfahren worden, eine Katze vielleicht, oder auch ein Waschbär, und wäre dann wie von Zauberhand – Simsalabim – auf dem zuvor kahl geschorenen Schädel gelandet. Etwas, das wohl mal ein Irokesenschnitt werden soll, wenn es groß ist. Objektiv betrachtet, sieht jeder damit irgendwie bescheuert aus. Warum tragen also so viele junge Männer diesen Haarunfall? Ich kann es mir nur durch das Imponiergehabe erklären. Der Schnitt gemahnt entfernt an einen Hahnenkamm und wahrscheinlich wollen diese, gerade den Kinderschuhen entwachsenden, Jungspunde zeigen, wer hier der Hahn im Korb ist. Der Kamm wird dann finster blickend spazieren getragen, meist im Rudel, so dass man total beeindruckt ist und weiß – Aha – mit denen ist nicht gut Körner picken. Zu unseren jungen Kapaunen gesellen sich auch gerne solche, die auf eine, jeglichen physikalischen Gesetzen trotzenden, Art und Weise ihre Baseball-Kappen auf dem Kopf balancieren. Sie sehen aus, als müssten sie jeden Moment herunterfallen, aber sie tun es nicht – also die Baseball-Kappen. Ein Rätsel. Obzwar diese Schwebekappen ihrem Träger ein absonderliches Aussehen verleihen, kann man doch nicht umhin, zu bemerken, dass man den Blick schwerlich von den Kopfbedeckungen abwenden kann. Die Faszination des Grauens, nehme ich an.

Im Freibad lassen sich auch immer viele unterhaltsame Szenen beobachten, die dazu dienen, insbesondere das andere Geschlecht zu beeindrucken. Männliche Teenager springen irgendwelche Rückwärtssaltos vom Beckenrand (und springen dabei Leuten, die ins Schwimmbad gehen um zu schwimmen gerne auf den Kopf) und weibliche Teenager kreischen sich die Seele aus dem Leib, wenn sie von ihren männlichen Altersgenossen mit feinsinnig-hintergründigem Sinn für Humor zum wasweißichwievielten Male ins kalte Becken geschubst werden. Vermutlich ein Trick von den Mädchen, um den Beschützerinstinkt in den Schubsern zu wecken. Was die Schubser angeht, versuchen sie wahrscheinlich einfach auf plump-liebenswerte Art und Weise, ihre Zuneigung kund zu tun.

Eine Sache, die mir niemals einleuchten wird, ist die Legende von der Wichtigkeit der Penisgröße. Hui, toll, was Sexuelles! Wenn die Männer wüssten, wie völlig schnurzpiepegal die Größe ist, würden sie sich eine Menge Stress ersparen, dessen bin ich überzeugt. Ich habe von Push-up-Slips gehört. Was es nicht so alles gibt. Es soll ja auch welche geben, die sich ausstopfen. Warum? Die Wahrheit kommt ja doch irgendwann ans Licht und außerdem gucken Frauen auch mal woanders hin, als immer nur auf den Schritt. Ja, ist so.

Aber auch Frauen nehmen schier unerträgliche Qualen auf sich, um die Männerwelt von ihrer Existenz in Kenntnis zu setzen. High-Heels, Pfennigabsätze, Riemchensandaletten. Machen die Füße kaputt, tun höllisch weh und laufen kann man darin schon mal gar nicht, was den eigentlichen Sinn und Zweck von Schuhen sabotiert. Aber sie sehen gut aus und die Männer finden es super. Generell ist es sehr tragisch zu beobachten, was sich Frauen alles antun, weil sie glauben, sie könnten die Männer damit beeindrucken. Augenbrauenzupfen, abenteuerliche Kaltwachs-Geschichten – die ich hier nicht weiter ausführen will – bis hin zu sogenannten Schönheitsoperationen. Manchmal frage ich mich auch, ob sie wirklich nur die Männer beeindrucken wollen, oder ob nicht auch so ein kleiner Schneewittchen-Stiefmutter-Spiegel-Komplex eine Rolle spielt. Wer ist die Schönste im ganzen Land? Tjahaaa…

Das ist wohl Teil der menschlichen Natur, dass wir immer besser als „die anderen“ sein wollen. Hat ja auch positive Seiten, wenn es als Antrieb dient. Aber muss es denn immer gleich so lächerliche bis schmerzhafte Auswüchse annehmen?

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Eine Antwort to “Essai 33: Über Imponiergehabe”

  1. Essai 34: Über (mangelndes) Einfühlungsvermögen « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] aus den Bereichen Politik, Gesellschaft, Beziehungen und menschliche Eigenarten. « Essai 33: Über Imponiergehabe Essai 35: Über Identität und Krisen derselben […]

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