Essai 30: Über schicksalshafte Zufälle und zufällige Schicksalsschläge

Es gibt ja so Leute, die mit bedeutungsschwangerem Vibrato in der Stimme verkünden, sie glaubten nicht an Zufälle. Nach einer kleinen Kunstpause klären sie dann die Unwissenden darüber auf, dass das Schicksal sei, wobei sie wissend und überlegen mit dem Kopf nicken. Dabei kommen sie sich dann ungemein tiefsinnig vor und spirituell überlegen sowieso. Ich rolle bei sowas immer mental mit den Augen, weil ich diese Schicksalsmystifizierung extrem albern finde. Einmal abgesehen davon, dass sich Zufall und Schicksal meiner Ansicht nach nicht zwingend widersprechen, halte ich es schlichtweg für idiotisch, sich über sowas wie Vorsehung den Kopf zu zerbrechen. Denn es ist doch so: Wenn tatsächlich nichts dem Zufall überlassen ist und alles Schicksal ist, wozu sich dann noch abmühen? Man kann ja doch nichts ausrichten, wenn man vom „Schicksal“ gelenkt wird. Und wenn es sowas wie Vorsehung nicht gibt, dann sollten wir zusehen, dass wir soviel wie möglich aus unserem Leben machen, anstatt uns mit Grübeleien über Dinge aufzuhalten, die wir nicht wissen können.

Warum ich denke, dass Zufall und Schicksal sich nicht ausschließen liegt daran, dass ich meine, dass es jedem selbst überlassen ist, bestimmten Gegebenheiten einen gewissen Grad an Bedeutung beizumessen, oder halt nicht. Wenn ich zum Beispiel verliebt bin, sehe ich überall Zeichen, die irgendwas mit meinem Objekt der Begierde zu tun haben. Dann lese ich überall seinen Namen, sehe überall Herzchen oder höre ständig ein bestimmtes Lied, das mich an ihn erinnert. In jedem Film, den ich sehe, werde ich irgendwas finden, dass ich mit ihm in Verbindung bringen kann. Nun kann ich entweder sagen: „Boah, krass, das ist Schicksal, das ist ein Zeichen! Wir sind für einander bestimmt!“ oder ich kann sagen: „Ach, das bemerke ich jetzt nur, weil ich verknallt bin und darauf achte, das hat nichts zu bedeuten.“ Mit welcher der beiden Aussagen ich Recht habe, kann man nicht sagen.

Schlussendlich muss jeder selber wissen, ob er das Leben für eine Aneinanderreihung von Zufällen hält, oder ob alles vom Schicksal vorherbestimmt ist. Ich für meinen Teil lebe ganz gut mit der Annahme, dass das meiste Zufall ist. So kann ich immer selbst entscheiden, was welche Bedeutung für mich hat. Gewiss ist ohnehin nur dies eine: Am Ende unseres Lebens sterben wir. Das ist unser Schicksal. Und zwar das Einzige, das objektiv wahr ist. Der Rest ist Ansichtssache.

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Eine Antwort to “Essai 30: Über schicksalshafte Zufälle und zufällige Schicksalsschläge”

  1. Essai 91: Über selbsterfüllende Prophezeiungen « Isa09 – Angry young woman Says:

    […] es der Zufall so will, ist heute mal wieder Freitag, der 13. und in den sozialen Netzwerken kursiert die Frage: […]

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