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Essai 29: Über die Verfloskelung emotionaler Zustände

24. Juni 2008

Es ist allgemein bekannt, wie schwierig es ist, Gefühle in Worte zu fassen. Vermutlich ist es sogar unmöglich.

Statt es aber einfach zu unterlassen, über die eigenen Gefühle zu reden und sie statt dessen einfach zu zeigen, machen wir folgendes: Wir verfloskeln sie.

Wie schnell wird zum Beispiel aus „Ich liebe dich“ eine Floskel, wenn man sie nur noch aus Gewohnheit sagt.

Besonders in diesem Fall, sollte man diesen Satz so selten wie möglich sagen, damit er kostbar bleibt und nicht zur Lüge wird. Denn wenn man Gefühle erst verfloskelt hat und diese Floskeln nur noch gewohnheitsmäßig dahersagt, ist es bis zur Lüge nicht mehr weit.

Interessanterweise verfloskeln wir überwiegend Gefühle, die von der zarten, verletzlichen Sorte sind, wie eben Liebe oder andere Formen der Zuneigung. Oder sagen wir etwa „Ich bin ja so wütend“, wenn wir wütend sind? Nee, wenn wir wütend sind, wirklich wütend, dann explodieren wir. Oder wenn man wirklich verzweifelt ist, sagt man auch nicht „Ach und Weh, was bin ich doch verzweifelt“ – es sei denn man ist eine Figur aus Klingers „Sturm und Drang“ – nein, man ist eben verzweifelt und tut, was man so tut, wenn man verzweifelt ist. Dazu gehört dann am wenigsten, dass man sich mit Platitüden aufhält.

Warum ist das so? Meine Vermutung ist, dass wir bei den zarten, verletzlichen Gefühlen Angst haben, uns lächerlich zu machen oder verletzt zu werden. Deswegen flüchten wir uns in Floskeln und Sprüche, weil wir es nicht besser wissen und vielleicht auch nicht besser können. Während Wut und Verzweiflung so starke Gefühle sind, dass wir sie nicht für uns behalten können, dass wir sie zeigen müssen. Da bleibt dann keine Zeit mehr, noch nach der passenden Floskel zu suchen.


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