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Essai 24: Über Illusionen

30. Mai 2008

Die Illusion ist die erklärte Feindin sämtlicher Hobby-Psychoanalyse-Autodidakten.

Sie traktieren ihre Mitmenschen dann mit Allzweckargumenten, wie „Du darfst vor deinen Problemen nicht davonrennen“ oder „Du versteckst dein wahres Ich“ oder „Du verdrängst dein inneres Verlangen.“

Jeder, der einmal in die Fänge eines Hobby-Freuds geraten ist, weiß dann auch, dass man da am Besten gar nicht gegen protestiert, sondern lieber gleich sagt: „Du hast Recht, ich sollte mich meinen Ängsten stellen, nicht mehr vor meinen Problemen flüchten und den Tatsachen todesmutig ins Auge blicken.“

Damit sind die Probleme natürlich nicht gelöst, aber der Hobby-Freud ist fürs Erste beruhigt und lässt sein Opfer zumindest so lange in Ruhe, bis er merkt, das dieses das nur so gesagt hat. Deswegen ist das auch von enormer Wichtigkeit, das so überzeugend wie nur irgend möglich zu behaupten, sonst geht die küchentischpsychologische Analyse nämlich erst richtig los: „Nee, nicht bloß sagen, was du meinst das ich hören will. Hör auf, ständig die Erwartungen anderer Leute erfüllen zu wollen. Du musst an dich selbst glauben, dir mehr vertrauen. Sei du selbst.“ und was sich der Möchtegern-Therapeut sonst noch so aus Disneyfilmen und „Fantasy-Elfen-Drachen-Helden-Quatsch“ an originellen Weisheiten zusammengeklaut hat.

Nun aber zurück zu den Illusionen. Sind sie wirklich so schlecht, wie diese pseudolebensweisen Alles-Checker uns weis machen wollen? Oder ist es nicht vielmehr absolut lebensnotwendig, sich auch mal was vorzumachen? Objektiv betrachtet: Was macht das Leben schon für einen Sinn?

Das ist nicht neu, Albert Camus hat diese Frage schon vor 66 Jahren in seinem berühmten Sisyphos-Mythos behandelt, aber meiner Meinung nach trifft es den Nagel auf den Kopf.

Wenn man also die Absurdität des menschlichen Daseins als gegeben annimmt, so ist jeder Sinn, den wir unserem Leben geben, rein subjektiv und eine Illusion. Denn wenn man sich über den Sinn des Lebens keine Illusionen macht, wäre das Leben für einen sinnlos. Und wie deprimierend ist denn das?

Ich plädiere also für eine Rehabilitation des Begriffs der Illusion. Schlimm wird es doch auch nur, wenn man nicht weiß, dass die Illusionen, die man hat, Illusionen sind, sondern sie für die Wahrheit, für Tatsachen hält. Und wenn man dann irgendwann merkt, dass man sich was vorgemacht hat, gibt es einen Fehler in der Matrix und das ist dann nicht mehr so lustig. Aber gegen bewusste Illusionen ist doch nun wirklich nichts einzuwenden. Oder?


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