Essai 22: Über die Diktatur der ständigen Erreichbarkeit

Gestern war ich todesmutig: Ich habe mein Handy einfach zu Hause gelassen. Ganz genau, einfach zu Hause gelassen. Und es war überhaupt nicht schlimm.

Meiner Meinung nach ist es sogar ganz gesund, wenn man sich dieser Diktatur der ständigen Erreichbarkeit einfach mal entzieht. Man denke doch einfach mal an die Zeiten zurück, es ist noch gar nicht lange her, in denen Handys Luxusgegenstände waren, die sich nur wohlhabende Geschäftsleute und deren protzaffinen Sprösslinge leisten konnten.

Das war schön entspannt in der U-Bahn, ohne diesen penetranten Klingelton-Terror, qualitativ unterirdischen Hip-Hop-„Beats“ aus schrottigen Handylautsprechern und dem permanenten telefonischen Seelenstriptease der Fahrgäste.

Denn, nein, es interessiert mich nicht, warum Biggi sich von Jonas getrennt hat und ich will auch überhaupt nicht wissen, dass Sandra heute einen schlechten Tag hat, weil ihre „best friend“ Cosma jetzt öfter mit Chrissie abhängt und und und.

Ein Handy ist nämlich ein – Achtung, jetzt kommt’s – Gebrauchsgegenstand. Man braucht es um zu telefonieren und eventuell SMS zu schreiben und um Termine zu speichern.

Das ist alles schön und auch sehr praktisch und drauf verzichten will ich auch nicht, da es doch sehr dazu beiträgt, zwischenmenschliche Beziehungen dadurch zu fördern, dass man Bescheid sagen kann, wenn man spät dran ist oder man Hilfe holen kann, wenn man in eine Notsituation gerät. Aber seine privaten Klatsch- und Tratschgeschichten und seine kleinen Wehwehchen und persönlichen Befindlichkeiten muss man doch nicht in aller Öffentlichkeit breittreten. Ich habe doch ein Recht auf Distanz, die ist schließlich für die eigene Privatsphäre unerlässlich.

Doch heutzutage verkommt das Handy immer mehr zum Missbrauchsgegenstand, mithilfe welchem die Privatsphäre und die gesunde Distanz, die man normalerweise unter wildfremden Menschen einhalten sollte, mit unerträglich lustigen und krampfhaft originellen Klingeltönen zu Tode geläutet wird, und dann hat auch noch die Werbung für sowas die Musikvideos aus dem Musikfernsehen verdrängt (zusammen mit dümmlichen Realitysoaps).

Vor zehn oder fünfzehn Jahren haben wir es doch auch geschafft uns zu verständigen, ohne ständig erreichbar zu sein. Ich für meinen Teil plane jedenfalls, mein Handy des Öfteren zu Hause zu lassen.

Oder?

Was wenn gerade dann jemand anruft?…

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