Archive for 25. Mai 2008

Essai 22: Über die Diktatur der ständigen Erreichbarkeit

25. Mai 2008

Gestern war ich todesmutig: Ich habe mein Handy einfach zu Hause gelassen. Ganz genau, einfach zu Hause gelassen. Und es war überhaupt nicht schlimm.

Meiner Meinung nach ist es sogar ganz gesund, wenn man sich dieser Diktatur der ständigen Erreichbarkeit einfach mal entzieht. Man denke doch einfach mal an die Zeiten zurück, es ist noch gar nicht lange her, in denen Handys Luxusgegenstände waren, die sich nur wohlhabende Geschäftsleute und deren protzaffinen Sprösslinge leisten konnten.

Das war schön entspannt in der U-Bahn, ohne diesen penetranten Klingelton-Terror, qualitativ unterirdischen Hip-Hop-„Beats“ aus schrottigen Handylautsprechern und dem permanenten telefonischen Seelenstriptease der Fahrgäste.

Denn, nein, es interessiert mich nicht, warum Biggi sich von Jonas getrennt hat und ich will auch überhaupt nicht wissen, dass Sandra heute einen schlechten Tag hat, weil ihre „best friend“ Cosma jetzt öfter mit Chrissie abhängt und und und.

Ein Handy ist nämlich ein – Achtung, jetzt kommt’s – Gebrauchsgegenstand. Man braucht es um zu telefonieren und eventuell SMS zu schreiben und um Termine zu speichern.

Das ist alles schön und auch sehr praktisch und drauf verzichten will ich auch nicht, da es doch sehr dazu beiträgt, zwischenmenschliche Beziehungen dadurch zu fördern, dass man Bescheid sagen kann, wenn man spät dran ist oder man Hilfe holen kann, wenn man in eine Notsituation gerät. Aber seine privaten Klatsch- und Tratschgeschichten und seine kleinen Wehwehchen und persönlichen Befindlichkeiten muss man doch nicht in aller Öffentlichkeit breittreten. Ich habe doch ein Recht auf Distanz, die ist schließlich für die eigene Privatsphäre unerlässlich.

Doch heutzutage verkommt das Handy immer mehr zum Missbrauchsgegenstand, mithilfe welchem die Privatsphäre und die gesunde Distanz, die man normalerweise unter wildfremden Menschen einhalten sollte, mit unerträglich lustigen und krampfhaft originellen Klingeltönen zu Tode geläutet wird, und dann hat auch noch die Werbung für sowas die Musikvideos aus dem Musikfernsehen verdrängt (zusammen mit dümmlichen Realitysoaps).

Vor zehn oder fünfzehn Jahren haben wir es doch auch geschafft uns zu verständigen, ohne ständig erreichbar zu sein. Ich für meinen Teil plane jedenfalls, mein Handy des Öfteren zu Hause zu lassen.

Oder?

Was wenn gerade dann jemand anruft?…

Essai 21: Über was man gerade denkt

25. Mai 2008

Frage ich meine männlichen Freunde, was das allerschlimmste ist, das Frauen ihren Männern oder Partnern antun können, bekomme ich als Antwort, man müsse ihnen die Frage stellen, was sie denn gerade denken.

„Schaatz, was denkst du gerade?“ ist somit der Beziehungs-Supergau, nicht etwa Betrug, Lüge oder Gewalt, nein, es ist diese kleine, niedliche, harmlose Frage.

Was mich natürlich zwangsläufig zu einer weiteren Frage verleitet: Warum?

Angeblich gibt es Momente, in denen Männer gar nichts denken. Das halte ich zwar für ein Gerücht, aber gehen wir mal davon aus, dass dem tatsächlich so ist: Was ist dann daran so schlimm, das einfach zu sagen? „Och, du, ich hab grad nur so vor mich hin gedöst und an gar nichts gedacht.“ Zack – Thema erledigt, alle sind zufrieden.

Zweite Möglichkeit ist, die Herren haben doch an was gedacht, was die Frau/Freundin aber nicht wissen soll – ich weiß auch nicht – Pornos, andere Frauen, irgendwelche Fantasien. Dann kann man doch die Frage ganz freundlich damit beantworten. Die Frau/Freundin wird diese Frage hiernach sicher so schnell nicht wieder stellen.

Dritte Möglichkeit, der Mann hat gerade doch an etwas gedacht, was vor der Frau auch nicht unbedingt geheim gehalten werden müsste. In dem Fall würde ich dringend raten, dann einfach zu sagen, woran man gedacht hat, sonst wird die Frau misstrauisch und denkt, der Mann hätte gerade an etwas aus dem Bereich der Möglichkeit 2 gedacht.

In allen drei Fällen – ob nichts, versaut oder nicht versaut – ist es doch am einfachsten, die Frage wahrheitsgemäß zu beantworten. Ich verstehe immer noch nicht, was daran so schwierig ist und weshalb man das nicht fragen dürfen sollte. Und da heißt es, Frauen wären kompliziert?

Essai 20: Über Partnerlook

25. Mai 2008

Normalerweise kennt man das ja von Paaren jenseits der fünfzig, dass sie anhand ähnlicher oder gleicher Kleidung ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zur Schau stellen.

Da werden dann vom Mann und der Frau die gleichen roten Fleecejacken – Marke: Gemütlich – von Globetrotter spazierengetragen, möglichst auch noch garniert mit den gleichen Bauchtaschen, weil die so praktisch sind.

Neulich jedoch machte ich eine für mich schockierende Beobachtung: Ein junges Pärchen, so anfang zwanzig, promenierte lässig vor sich hin und das in Pullovern der exakt gleichen Farbe. Wenn diese exakt gleiche Farbe etwas würdevolles gewesen wäre, blau oder schwarz, meinetwegen braun oder dunkelgrün, dann hätte man es ja wohlwollend als Zufall abtun können. Aber es war ein barbieskes, kitischistisches Lila, das einem beim Anblick Augenschmerzen bescherte. Der arme Junge versuchte sich verzweifelt an seiner Zigarette festzuklammern und dadurch Coolness zu simulieren, was ihm in dem lächerlichen lila Pulli nicht so wirklich gelingen wollte. Ob er dieses Ding freiwillig angezogen hatte? Oder hatte ihn seine Freundin gezwungen? Ein Rätsel, das auf ewig ungeklärt bleiben wird…


%d Bloggern gefällt das: