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Essai 17: Über das Problem mit seinem Problem über sein Problem zu reden

19. Mai 2008

Zur Abwechslung hier nun ein kleiner Ausflug in die küchentischpsychologische Beziehungsanalyse:

Jeder, der „Harry und Sally“ gesehen hat, kennt die Frage: Können Männer und Frauen befreundet sein?

Im Film wurde diese Frage verneint. Aber im Leben kommt es tatsächlich vor, dass Männer und Frauen nur befreundet sind. Leider kommt es auch immer wieder in diesen gemischtgeschlechtlichen Freundschaftsbeziehungen zu einem unausgewogenen Verhältnis, sobald der/die eine sich in den/die andere/n unglücklich verliebt. Und wenn es auch noch beste Freunde sind, wird es erst richtig knifflig.

An sich ist es ja äußerst praktisch, einen Vertreter des anderen Geschlechts zum Freund zu haben, der einem dann als Dolmetscher dient, wenn man mal wieder, ob der heterosexuellen Verständigungsschwierigkeiten, zu verzweifeln droht. Jemand, der einem ganz sachlich erklärt, dass „Mhm“ nicht „Ich liebe dich nicht mehr“ heißt, sondern einfach „Mhm“. Oder jemand, der einem schonend beibringt, dass „Du, ähm, am Wochenende hab ich keine Zeit.“ nichts anderes heißt, als „Ich möchte nicht mit dir ausgehen, bin aber zu höflich/feige das zu sagen“.

Das funktioniert aber nur solange, wie sich keine unerwünschten Emotionen in das Verhältnis einpfuschen. Wenn dem so ist, tappt man nämlich ganz leicht in die „mit seinem Problem über sein Problem reden“-Falle. Das Problem ist in diesem Falle der andere, in den man unglücklich verliebt ist. Dieser wiederum hat ein schlechtes Gewissen, weil er die Gefühle des anderen nicht erwidert und Angst hat, „die Freundschaft zu gefährden“. Also will er partout helfen.

Das funktioniert natürlich nicht im Geringsten, denn das Problem ist ja, dass der arme, verliebte Tropf glaubt, dass es keine/n andere/n gibt, die/den er/sie jemals so sehr lieben wird und da ist es natürgemäß mehr als kontraproduktiv, wenn man demjenigen als einziger Gesprächspartner in dieser Angelegenheit zur Verfügung steht.

Das einzige, was da hilft, ist, wenn man erstmal auf Distanz zu einander geht und die Grenzen zwischen Freundschaft und Liebesbeziehung exakt absteckt. Aber der/die Geliebte befürchtet, den anderen zu verlieren, wenn er nicht mehr „hilft“, außerdem ist es ja die „Pflicht“ eines Freundes, dem anderen zu helfen, und das geht natürlich nur, in dem man das Problem immer und immer wieder durchkaut, darauf herumreitet, immer wieder Salz in die Wunde nachstreut und das ganze durchdiskutiert.

Halt!

Kann man wirklich nur auf diese Art und Weise helfen? Ist es nicht sinnvoller, den anderen dazu zu bringen, seine Situation von alleine zu ändern, indem man ihm einfach vertraut und ihn machen lässt? Ist es nicht das, was eine Freundschaft ausmacht, Vertrauen?

Zudem läuft man auch Gefahr, alles persönlich zu nehmen, wenn man sich nicht einen gewissen emotionalen Freiraum bewahrt. Der Unglücksrabe wiederum muss lernen, dass es noch andere Menschen gibt, dass er „loslassen“ muss (fürchterlich, dieses therapeutische Klischeevokabular) und dass er sich am besten erstmal selber hilft und einfach mal aufhört, herumzujammern. Wenn man aufhört, mit seinem Problem sein Problem zu bereden, können gemischtgeschlechtliche Freundschaften tatsächlich funktionieren.


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