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Essai 16: Über Problemwälzerei und Selbstmitleidgesuhle

17. Mai 2008

Zugegeben: Es macht bis zu einem gewissen Punkt richtig Spaß sich für den größten Unglücksraben auf Gottes grüner Erde zu halten. Doch wenn dieses Verhalten vom Zeitvertreib zur eigenen Identität wird, wird es knifflig. Wer kennt nicht diese ewig jammernden Zeitgenossen, die sich über ihre Probleme definieren. Sie geben sich häufig durch Merksätze wie „Frag mich nach Sonnenschein.“ oder „Ach, das verstehst du nicht“ oder „Ich will jetzt nicht darüber reden“ zu erkennen und beantworten die Frage, wie es ihnen geht entweder mit einem missmutigen Grunzen oder mit einem kläglichen „Och, geht so.“ und wenn man sie daraufhin pflichtbewusst fragt, was der andere denn habe heißt es: „Nichts.“

Jeder Mensch hat nur bis zu einer bestimmten Grenze Mitleid zu verteilen. Wobei ich hier nicht das Mitgefühl meine, denn das kann man Jammerlappen schwer entgegenbringen, da sie einem ja nie konkret sagen, was ihnen fehlt. Und man kann nicht für etwas Verständnis und Mitgefühl aufbringen, von dessen Existenz man nicht weiß. Jedenfalls ist dieses Kontingent an Mitleid irgendwann aufgebraucht und man verliert ein wenig die Geduld, die Trauerklöße zu betüddeln.

Irgendwann ist nun eben auch mal gut.

Die logische Konsequenz wäre nun, dass unsere depressionsaffinen Mitmenschen ins Grübeln kommen und sich überlegen: Nanu, der bemitleidet mich gar nicht mehr. Warum? Ist mein Problem, das ich habe, wirklich unlösbar?

Aber nein, wenn die anderen die Geduld verlieren, bestätigt das den guten Problemwälzer noch in seiner pessimistischen Weltanschauung. Dann heißt es nicht, Mensch, vielleicht hat der andere ja recht, nein, es heißt: Menno, alle sind sie gemein zu mir, keiner hat mich lieb, keiner versteht mich, ich bin ja so allein auf dieser Welt, etc.

Und da man die Nervenstränge seiner Mitmenschen schon zersägt hat, bleibt einem nur noch das Selbstmitleid. Da wird sich dann darin gesuhlt und es wird darin herumgeplanscht, das es eine Freu- äh eine Trauer ist. Unsere Kinder von Traurigkeit merken während ihres Selbstmitleidbades gar nicht, wie ihre Problemchen allmählich zu ihren einzigen noch übrig gebliebenen Freunden werden und ihr eigenes Selbstmitleid die einzige menschliche Wärme, die sie empfangen. Fortan klammern sie sich an diese beiden Faktoren, halten sie für die wesentlichen Eckpunkte ihrer Persönlichkeit und fühlen sich durch jegliche Lösungsvorschläge, die ein paar unverbesserliche Optimisten noch vorbringen mögen, persönlich beleidigt. Sie denken dann, ihre Schwarzseherei sei eine liebenswerte Macke, doch das ist sie nicht. Sie ist einfach nur unerträglich.

Dabei wäre es doch so einfach, den Selbstmitleids- und Problemwälzer-Teufelskreis zu durchbrechen. Einfach kurz innehalten, sich umschauen, kurz über sein Verhalten nachdenken und: es ändern.


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